Unternavigation

Unternavigation

Videos

 
 

 

Zwischen Tradition und Neubeginn: Die Atlantik-Brücke und die deutsch-amerikanischen Beziehungen

 

Interview mit Friedrich Merz

Herr Merz, im Zuge der politischen Umwälzungen des 21. Jahrhunderts kommt der transatlantischen Wertegemeinschaft eine neue Rolle zu. Vor welchen Herausforderungen steht das Bündnis?

Es ist zwingend, dass Amerikaner und Europäer eine gemeinsame Politik formulieren, um auf die massiven Veränderungen in unserer Welt reagieren zu können. Das zeigen schon die Umwälzungen in den arabischen Ländern. Wir sehen aber, wie schwer sich insbesondere Europa damit tut, seine Position zu finden. Daran wird deutlich, auf welcher Seite des Atlantiks das größere Problem besteht.

Was wir momentan außenpolitisch von Europa erleben, ist sehr ernüchternd. Wir sind nicht in der Lage, mit einer Stimme zu sprechen, und die Amerikaner nehmen das wahr. Doch wir können die Amerikaner nicht in Anspruch nehmen, solange wir selbst nicht wissen, was wir eigentlich wollen. Als Atlantik-Brücke beobachten wir die Entwicklung besorgt. Wir haben derzeit einen fundamentalen Bedarf an transatlantischem Dialog.


Der Blick zurück ist für die Atlantik-Brücke eine Erfolgsgeschichte. Wie stellen Sie sich den Blick in die Zukunft vor?

Es ist wichtig zu erkennen, dass wir es heute mit einer globalisierten Welt zu tun haben, die mit der Nachkriegszeit nicht mehr viel gemeinsam hat. Wir müssen mehrdimensional denken, nicht mehr zweidimensional. Es gibt heute neue Anforderungen an den transatlantischen Dialog, weil sich Europa und Amerika mit neuen ökonomischen, ökologischen und politischen Herausforderungen konfrontiert sehen.

Im 21. Jahrhundert stehen viele wichtige Themen zur Diskussion: die Verschiebungen in der Außen- und Sicherheitspolitik, finanz- und wirtschaftspolitische Fragen, Klimaerwärmung und Umweltschutz, dazu natürlich das wichtige Gebiet der Bildung sowie Wissenschaft und Forschung. In diese Debatten müssen wir stärker einsteigen. Es ist wichtig, dass wir nicht still stehen und uns auf dem ausruhen, was einmal war.

In diesem Zusammenhang reden wir im Vorstand beispielsweise auch darüber, in weit sich die Atlantik-Brücke um China kümmern soll. Diese Frage ist nicht unstreitig, es gibt verschiedene Standpunkte, die wir intensiv diskutieren.

Doch im Hintergrund aller Überlegungen steht natürlich die Frage, was uns im transatlantischen Verhältnis verbindet. Es geht dabei ebenso um gemeinsame Werte und Traditionen wie Demokratie und Freiheitsrechte wie um strategische Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Nach wie vor ist Amerika zum Beispiel der wichtigste Wirtschaftspartner für Europa und auch für Deutschland. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass wir so viele Unternehmensmitgliedschaften haben. Mehr als die Hälfte der Dax-30-Unternehmen sind Mitglied in der Atlantik-Brücke.


Wie wird sich dieser Prozess des Umdenkens in der Struktur der Atlantik-Brücke widerspiegeln?

Wir wollen den Austausch unserer Mitglieder vertiefen und uns fachlich spezifizieren. Dazu haben wir Arbeitsgruppen und eine Regionalisierung unserer Mitgliederaktivitäten angestoßen. In den Regionen Frankfurt/Hessen, München/Süddeutschland, Rhein-Ruhr, Hamburg/Norddeutschland und in Dresden/Leipzig haben sich jeweils unter der Leitung von Mitgliedern des Vorstands Regionalgruppen gebildet, um die Mitglieder vor Ort stärker einzubinden und untereinander zu vernetzen.

Parallel zu der Regionalisierung werden wir in Arbeitsgruppen den fachlichen Austausch intensivieren und neue inhaltliche Schwerpunkte setzen, um Positionen zu aktuellen Themen wie der Finanzkrise und zur Außen- und Sicherheitspolitik zu entwickeln. Auch hier hat jedes Mitglied die Möglichkeit, sich aktiv einzubringen.

Darüber hinaus setzen wir natürlich weiterhin auf unseren guten Zugang zu Entscheidungsträgern auf beiden Seiten des Atlantiks und unsere strategischen Kooperationen mit führenden Institutionen wie der Münchener Sicherheitskonferenz oder der American Chamber of Commerce. Außerdem haben wir die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem American Council on Germany wiederbelebt und wollen Angebote wie das Young Leader-Programm künftig intensivieren.


Dialog ist ein Kernelement der Arbeit der Atlantik-Brücke. Was macht Ihrer Ansicht nach das Besondere des Vereins aus?

Wir sind eine spannende Organisation mit sehr interessanten Mitgliedern. Es geht uns um Meinungs¬bildung mit unseren großen intellektuellen Ressourcen und Erfahrungen zu den Themen, die uns im transatlantischen Verhältnis beschäftigen und natürlich darum, dieses Wissen in internationalen Netz¬werken einzusetzen.

Wir haben eine überschaubare Struktur mit qualifizierten Mitgliedern, und diese wollen wir auch in Zukunft behalten. Wir sind keine Massenorganisation und legen viel Wert darauf, dass unsere Mitglieder untereinander möglichst gut verbunden sind. Wir sind zunächst eine Organisation zur Meinungsbildung nach innen.


Ist es dennoch denkbar, dass die Positionen der Atlantik-Brücke in Zukunft stärker ihren Weg nach außen finden als das bislang der Fall gewesen ist?

Grundsätzlich ist der Wille der Mitglieder für unsere Ausrichtung entscheidend. In einem weiteren Schritt ist es beispielsweise denkbar, dass wir zu einer Publikationsplattform werden, damit Einzelne in persönlichen Beiträgen ihre Positionen vertreten können. Die nächste Frage ist, ob wir stärker als bisher die öffentliche Meinungsbildung beeinflussen wollen, etwa in Form von Vorträgen, Gesprächsrunden und Veröffentlichungen. Wenn diese Weiterentwicklungen von den Mitgliedern gewünscht sind, können wir das in den kommenden Jahren angehen. Allerdings ist das nur dann möglich, wenn die nötigen Ressourcen hierfür vorhanden sind.


Welche persönlichen Akzente wollen Sie als Vorsitzender setzen?

Zunächst wünsche ich mir, den internen Austausch so zu gestalten, dass die Mitglieder damit zufrieden sind. Sie sollen die Möglichkeit haben, aktiv an dem Prozess teilzunehmen, wie wir uns künftig positionieren. Wir haben mit den Regional- und Arbeitsgruppen erste Prozesse angestoßen. Wenn es darüber hinaus Vorschläge von den Mitgliedern gibt, wie wir den Dialog stärken können, sind diese jederzeit willkommen. Ich halte viel davon, dass wir „from the bottom up“ Feedback und Anregungen bekommen und dementsprechend unsere Vorstandsarbeit ausrichten. In welche Richtung der Ball bei der Atlantik-Brücke rollt, werden die Mitglieder ganz wesentlich mitentscheiden. Wir stehen derzeit am Beginn eines Prozesses und noch nicht am Ende.


Zum Abschluss erneut ein Blick auf die Weltlage: Welches außenpolitische Thema ist Ihrer Einschätzung nach derzeit das spannendste?

Die spannendste Frage ist, ob wir wirklich richtig damit liegen, wenn wir glauben, dass wir unsere Vorstellungen von Demokratie und Marktwirtschaft auf der ganzen Welt werden durchsetzen können. Ich persönlich denke, dass wir begreifen müssen, dass es in der Welt Vorstellungen von Demokratie gibt, die mit unseren nicht übereinstimmen. In China sehen wir ein autoritäres System, dass sich jede Einmischung von außen verbittet, gleichzeitig für uns aber einen der wichtigsten Handelspartner darstellt. Ich finde, dieses Spannungsverhältnis von unserem westlichen Demokratieverständnis auf der einen und den Marktöffnungen auf der anderen Seite, ist insbesondere für unsere Diskussion mit den Amerikanern sehr wichtig.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach dem Sinn und Zweck von Militäreinsätzen im Ausland. Sie bleibt oft unbeantwortet. Was ist das Ziel der Auslandseinsätze? Welchen Zustand wollen wir erreichen? Wann können wir sagen „Mission accomplished“? Das sind brennende außenpolitische Fragen. Und genau die Art Fragen, die wir in unserem Haus diskutieren.