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	<title>SPD Archive - Atlantik-Brücke e.V.</title>
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		<title>„Wir haben keinen engeren Verbündeten“</title>
		<link>https://www.atlantik-bruecke.org/wir-haben-keinen-engeren-verbuendeten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[r.fehrenbach]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Feb 2025 08:59:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sicherheit & Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft & Innovation]]></category>
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		<category><![CDATA[Transatlantische Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In seinem Gastbeitrag für die Atlantik-Brücke betont Bundeskanzler Olaf Scholz die Veränderungen der transatlantischen Beziehungen im Laufe der Geschichte. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/wir-haben-keinen-engeren-verbuendeten/">„Wir haben keinen engeren Verbündeten“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.atlantik-bruecke.org">Atlantik-Brücke e.V.</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_67454" aria-describedby="caption-attachment-67454" style="width: 886px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class=" wp-image-67454" src="https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-1000x500.webp" alt="" width="886" height="443" srcset="https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-1000x500.webp 1000w, https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-800x400.webp 800w, https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-1536x769.webp 1536w, https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-2048x1025.webp 2048w, https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963-600x300.webp 600w, https://www.atlantik-bruecke.org/app/uploads/Olaf-Scholz-_-sRGB-_-jpg-scaled-e1739182023963.webp 2550w" sizes="(max-width: 886px) 100vw, 886px" /><figcaption id="caption-attachment-67454" class="wp-caption-text">Bundeskanzler Olaf Scholz</figcaption></figure>
<p><em>In seinem exklusiven Gastbeitrag für die Atlantik-Brücke betont Bundeskanzler Olaf Scholz, zugleich Kanzlerkandidat der SPD für die Neuwahlen des Bundestages, die Veränderungen der transatlantischen Beziehungen im Laufe der Geschichte. Und dass Deutschland und die USA auch in Zukunft miteinander mehr bewegen als ohne einander.</em></p>
<p><em>Von Olaf Scholz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland</em></p>
<p>Die deutsch-amerikanische Freundschaft hat Weltgeschichte geschrieben. Während der Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion versorgten insbesondere amerikanische Flugzeuge die Berlinerinnen und Berliner aus der Luft. Mitten im Kalten Krieg war es John F. Kennedy, der den Kampf für Freiheit und gegen kommunistische Unterdrückung mit den Worten „Ich bin ein Berliner“ auf den Punkt brachte. 1987 rief Ronald Reagan Michail Gorbatschow zu, die Berliner Mauer endlich niederzureißen.</p>
<p>Dann 9/11 – dieser furchtbare Angriff auf das Herz der Vereinigten Staaten. Erstmals beschließt die NATO den Bündnisfall. In der Folge kämpfen deutsche und amerikanische Soldatinnen und Soldaten über 20 Jahre lang Seite an Seite gegen den islamistischen Terrorismus.</p>
<p>Und schließlich Russlands Angriff auf die Ukraine, die seither heldenhaft um ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpft und deren größte Unterstützer die USA und Deutschland sind. Darauf können wir stolz sein.</p>
<p>Wenn ich heute an diese Schlüsselmomente transatlantischer Partnerschaft erinnere, dann nicht aus nostalgischer Verklärung. Sondern weil sie zwei Dinge zeigen. Erstens: Die transatlantischen Beziehungen haben sich immer wieder verändert – und gerade deshalb im Wandel bewährt. Und, zweitens: Miteinander bewegen wir mehr als ohne einander oder gegeneinander.</p>
<p>Diese beiden Erkenntnisse behalten ihre Gültigkeit, auch angesichts der veränderten Realitäten unserer Zeit. Der Aufstieg anderer Weltregionen, insbesondere des Indo-Pazifiks, ist eine solche Realität, die sowohl für Nordamerika als auch für Europa Risiken und Chancen birgt. Gehen wir hier gemeinsam voran.</p>
<blockquote><p>Unser Ziel ist es, den europäischen Pfeiler der NATO substantiell zu stärken.</p></blockquote>
<p>Eine weitere Realität ist, dass Europa mehr für seine Verteidigung tun muss. Deshalb haben wir in Deutschland – in Reaktion auf die „Zeitenwende“, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine – mit einer umfassenden Stärkung unserer Bundeswehr begonnen. Unser Ziel ist es, den europäischen Pfeiler der NATO substantiell zu stärken.</p>
<p>Aber auch in der Handelspolitik lassen sich bei gutem Willen Wege finden, wie wir unterschiedliche Interessen in Ausgleich bringen können. Die Europäische Union wird am Prinzip des freien und fairen Handels festhalten, denn wir verdanken ihm unseren Wohlstand – übrigens auf beiden Seiten des Atlantiks.</p>
<p>Darauf sollten wir als überzeugte Transatlantiker unser Augenmerk richten. In dem sicheren Wissen, dass Europa und Nordamerika auch im 21. Jahrhundert keine engeren Verbündeten haben als einander.</p>
<p><strong><em>Die Atlantik-Brücke hat vor der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 die Kanzlerkandidaten von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen gebeten, ihre transatlantische Agenda in einem Gastbeitrag aufzuschreiben. Die Texte sind bereits vor dem Wochenende der Münchner Sicherheitskonferenz und den Äußerungen von US-Vizepräsident J.D. Vance entstanden. </em></strong></p>
<p><strong><em>Den Gastbeitrag des Kanzlerkandidaten der Union, Friedrich Merz, <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/entwickeln-wir-eine-transatlantische-positivagenda">lesen Sie hier</a>. </em></strong><br />
<strong><em>Den Gastbeitrag des Kanzlerkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, Robert Habeck, <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/nicht-egoismus-loest-die-probleme-sondern-kooperationswille/">lesen Sie hier</a>.</em></strong></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/wir-haben-keinen-engeren-verbuendeten/">„Wir haben keinen engeren Verbündeten“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.atlantik-bruecke.org">Atlantik-Brücke e.V.</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Debatte über nukleare Teilhabe ist nicht zu Ende gedacht</title>
		<link>https://www.atlantik-bruecke.org/debatte-ueber-nukleare-teilhabe-ist-nicht-zu-ende-gedacht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[r.fehrenbach]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2020 10:30:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Sicherheit & Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Der Tagesspiegel]]></category>
		<category><![CDATA[NATO]]></category>
		<category><![CDATA[Nukleare Teilhabe]]></category>
		<category><![CDATA[Nuklearer Schutzschirm]]></category>
		<category><![CDATA[Sigmar Gabriel]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Westbindung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Vorsitzende der Atlantik-Brücke, Sigmar Gabriel, kommentiert: Die Forderung der SPD-Spitze nach einem Abzug der in Deutschland gelagerten US-Nuklearwaffen ist nur auf den ersten Blick moralisch integer.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/debatte-ueber-nukleare-teilhabe-ist-nicht-zu-ende-gedacht/">Debatte über nukleare Teilhabe ist nicht zu Ende gedacht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.atlantik-bruecke.org">Atlantik-Brücke e.V.</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/spd-fordert-abzug-aller-us-atomwaffen-aus-deutschland-es-wird-zeit-dass-deutschland-die-stationierung-zukuenftig-ausschliesst/25794070.html" target="_self" rel="noopener noreferrer">Forderung der SPD-Spitze nach einem Abzug der in Deutschland gelagerten US-Nuklearwaffen</a> ist auf den ersten Blick moralisch integer. Wer wünschte sich nicht ein atomwaffenfreies Deutschland? Aber ist sie das auch auf den zweiten Blick? Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Es besteht Unklarheit in unserer Gesellschaft über Deutschlands Rolle in Europa und in der Welt. Und zwar bei Weitem nicht nur <a href="https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/deutschland-und-die-nukleare-teilhabe-4342/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">in der SPD</a>.</p>
<p>Was die außenpolitischen Eliten des Landes für richtig halten, ist schon längst nicht mehr automatisch Teil eines breiten gesellschaftlichen Konsenses. Es ist kein Zufall, dass der CSU-Politiker Peter Gauweiler vor gar nicht allzu langer Zeit seine Vision eines neutralen Europas veröffentlicht hat. Es gibt in Deutschland von links bis rechts die Sehnsucht, am liebsten so zu werden, wie die Schweiz oder Österreich: wirtschaftlich erfolgreich, politisch neutral – um nicht zu sagen: irrelevant.</p>
<p>Diese Unklarheit über unsere außen- und sicherheitspolitische Haltung hat nichts mit US-Präsident Donald Trump zu tun, sondern mit einer völlig veränderten Wahrnehmung unserer Rolle in Europa und der Welt, wie sie sich schrittweise nach der deutschen Wiedervereinigung bei uns entwickelt hat. Die Bonner Republik wusste und fühlte noch viel mehr als die Berliner Republik, wie wichtig die Verlässlichkeit deutscher Außen- und Sicherheitspolitik für die Stabilität Europas war. Mit der Wiedervereinigung haben wir uns jedes Jahr etwas mehr mit uns selbst beschäftigt in dem Glauben, dass wir endlich auf der besseren Seite der Geschichte angekommen seien.</p>
<p>Außerhalb Deutschlands dagegen wird das immer mehr als Indifferenz wahrgenommen. Als strategische Unfähigkeit, sich selbst und andere angemessen einzuordnen. Es wird Zeit, das wieder zu ändern. Dazu allerdings muss die Sozialdemokratie wie jeder andere Teilnehmer dieser Debatte bereit sein, die Folgen ihrer Forderung in den Blick zu nehmen. Und die Gegenrede innerhalb und außerhalb der SPD muss bei den Konsequenzen beginnen und mehr beinhalten, als die erbarmungswürdige Ausrede, der Ausstieg aus der nuklearen Teilhabe sei nicht vom Koalitionsvertrag gedeckt.</p>
<blockquote><p>Die Atommächte USA, Russland und China liefern sich ein neues Wettrüsten. Niemand außer sie selbst kann das stoppen.</p></blockquote>
<p>Es gibt gute Gründe, erneut auf die Gefahren atomarer Aufrüstung hinzuweisen. Nur gehen diese Gefährdungen aktuell gerade nicht von Europa aus, sondern von der weltweiten Weiterverbreitung von Technologien zur Herstellung von Nuklearwaffen außerhalb unseres Kontinents. Der Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen ist zu einem Papiertiger geworden.</p>
<p>Die Lehre aus dem Umgang mit Nordkorea und Iran ist für Autokraten aller Welt schlicht diese: „Wer die Bombe hat, den besucht der amerikanische Präsident. Wer so dumm ist, mit Europa einen Vertrag über den Verzicht auf Nuklerarwaffen zu unterschreiben, dem drohen amerikanische Wirtschaftssanktionen, um das herrschende Regime in die Knie zu zwingen.“ Die SPD-Debatte über die Gefahren nuklearen Wettrüstens entzündet sich am falschen Objekt. Nicht von den US-Atombomben in der Eifel geht die größte Gefahr aus, sondern von nuklearen Technologien außerhalb Europas.</p>
<blockquote><p>Europa sollte versuchen, die Atommächte an einen Tisch zu bekommen und Vertragsverletzungen zu sanktionieren.</p></blockquote>
<p>Die Atommächte <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/atomabkommen-donald-trump-verkuendet-ausstieg-aus-iran-deal/21258214.html" target="_self" rel="noopener noreferrer">USA</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/putins-superwaffe-start-in-ein-neues-wettruesten/24903866.html" target="_self" rel="noopener noreferrer">Russland </a>und <a href="https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2018S17_pau.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">inzwischen auch China tragen die Hauptverantwortung</a> für diese Zerstörung des weltweiten Non-Proliferationsvertrags. Denn nur sie verfügen über die Mittel und Instrumente, die Weiterverbreitung von Nukleartechnologien zu kontrollieren und zu sanktionieren. Niemand anders kann das! Statt zu fragen, wie man die Ausbreitung von Atomwaffen weltweit stoppen und rückgängig machen kann, kündigen die Supermächte ihre seit den 80er Jahren existierenden nuklearen Abrüstungsverträge.</p>
<p>Die beiden alten Atommächte wollen sich von ihren vertraglichen Bindungen befreien, um bei der weltweiten Aufrüstung im Wettbewerb mit der neuen Atommacht China keinerlei Beschränkungen mehr unterworfen zu sein. Die Aufgabe Deutschlands und Europas sollte deshalb darin bestehen, dieser realen Gefahr der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen entgegen zu treten. Natürlich durch den Versuch, die USA, China und Russland an einen Tisch zu bekommen, aber auch dadurch, dass Europa selbst zu massiven Wirtschaftssanktionen gegen die Staaten greift, die sich verbotenerweise an der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen beteiligen.</p>
<blockquote><p>Steigt Deutschland aus der nuklearen Teilhabe aus, kann es gleich auch seine Nato-Mitgliedschaft kündigen.</p></blockquote>
<p>Was würde geschehen, wenn Deutschland den von der SPD-Spitze vorgeschlagenen Weg einschlagen würde? Zuerst würden Polen, Balten und einige andere Osteuropäer anbieten, die nuklearen Fähigkeiten der USA auf ihrem Territorium anzusiedeln. Konsequenterweise müsste die SPD also dann fordern, die Europäische Union insgesamt atomwaffenfrei zu machen. Unser wichtigster europäischer Partner – Frankreich – würde das schlicht für deutschen Übermut halten und keinen Millimeter dabei mitgehen.</p>
<p>Konsequenterweise müsste Deutschland die Nato verlassen. Denn mit der Mitgliedschaft dort unterstützt Deutschland ja die Strategie der nuklearen Abschreckung. Unsere Nachbarn denken all diese Konsequenzen mit – auch Russland. Das sollte die SPD wissen. Wird das größte Land Europas – Deutschland – zum Spaltpilz europäischer Sicherheitspolitik oder ist sogar auf dem Weg raus aus der Nato, ist das eine Einladung zur Destabilisierung Europas! Nicht nur für Russland, sondern auch für den derzeitigen US-Präsidenten Trump.</p>
<blockquote><p>Schon heute haben Polen und Balten viel Vertrauen in Deutschland verloren.</p></blockquote>
<p>Schon heute glauben die Polen und die Balten nicht recht daran, dass Deutschland im Ernstfall Artikel 5 des Nato-Vertrages erfüllen würde. Sie glauben nicht, dass wir Deutschen für die Freiheit der Polen bereit wären zu sterben. Ihre Geschichte sagt ihnen das Gegenteil. Exakt das ist aber der Inhalt der Beistandsverpflichtung. Die Bereitschaft Amerikas, das zu garantieren, sicherte einst die Freiheit West-Berlins und Westdeutschlands.</p>
<p>Würde nun Deutschland aus der nuklearen Teilhabe ausscheiden, würden nicht wenige unserer Nachbarn sich erinnern, dass deutsche Sonderwege für sie in der Regel gefährlich werden. Geografie und Geschichte bestimmen auch heute noch die Sicht der Völker auf Gegenwart und Zukunft. Beides führt dazu, dass militärische Bedrohungslagen in Polen anders wahrgenommen werden als in Deutschland.</p>
<p>Da hilft es wenig, wenn wir Deutschen mehrheitlich der Auffassung sind, von Russland gingen keine Gefahren für unsere Sicherheit und Freiheit aus. Wer Europa zusammenhalten will, der muss sich immer in die Lage des jeweils verletzbarsten Mitgliedslands versetzen: in der Finanzpolitik in die des Südens. In der Migrationspolitik in die der Mittelmeeranrainer und in der Sicherheitspolitik in die der Polen, Balten und Osteuropäer.</p>
<blockquote><p>Die SPD hat sich immer zur Westbindung bekannt. Alles andere gefährdet das Vertrauen der Bürgerinnen in ihre Regierungsfähigkeit.</p></blockquote>
<p>Es gibt zwei Lehren für die deutsche Außenpolitik nach der Barbarei der Nazis und zwei Weltkriegen: Nie wieder! Und: Nie wieder allein! Also nie wieder Gewalt und Krieg gegen unsere Nachbarn. Aber eben auch nie wieder das selbstbezogene Handeln Deutschlands, das Europa Jahrhunderte lang in den Konflikt des europäischen Zentrums – Deutschland – gegen die Peripherie – also alle anderen – geführt hat.</p>
<p>So hat es Helmut Schmidt in seiner letzten berühmten Rede auf einem SPD-Bundesparteitag 2011 seiner Partei ins politische Stammbuch geschrieben. Und alle haben applaudiert. Sicher auch die heutige SPD-Führung.</p>
<blockquote><p>Berechenbarkeit deutscher Außenpolitik war ein so hohes Gut.</p></blockquote>
<p>Berechenbarkeit deutscher Außenpolitik war ein so hohes Gut, dass selbst beim Wechsel der Regierungsmehrheiten weit mehr Kontinuität als Veränderung zu sehen war. Willy Brandts Entspannungspolitik stellte nicht die Westbindung der Bundesrepublik in Frage. Dafür hatte schon Herbert Wehner in seiner berühmten West-Rede im Deutschen Bundestag 1960 gesorgt. Bis dahin geisterte in der politischen Debatte immer noch die „Stalin Note“ vom „neutralen Gesamtdeutschland“ durch Teile der SPD.</p>
<p>Wehners Rede war neben dem Godesberger Programm der SPD eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass die Mehrheit der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger der SPD als Regierungspartei vertraute. Mit einer Rückkehr zur Stalin Note 2.0, zur Idee eines „neutralen Gesamtdeutschland“ dürfte die SPD mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Fähigkeit zum verantwortlichen Regierungshandeln verlieren.</p>
<p>Wehners Rede war im Übrigen auch der erste Schritt zur Wiedervereinigung. Denn nur die feste Verankerung Westdeutschlands im westlichen Bündnis der Nato und die Berechenbarkeit deutscher Außenpolitik machte die Erfolge Willy Brandts und Egon Bahrs in der Entspannungs- und Ostpolitik möglich. Trotz persönlicher tiefer Abneigung hatten die Mitglieder der damaligen SPD-Führung eines gemein: die Fähigkeit zu langfristigem strategischen Denken in der Außenpolitik.</p>
<blockquote><p>Oder ist die Debatte nur ein Versuch, im Umfragetief kurz Aufmerksamkeit zu erregen?</p></blockquote>
<p>Niemand sollte glauben, dass im Jahr 2021 und 75 Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs dieses Vertrauen in die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit Deutschlands für unsere Nachbarn an Bedeutung verloren hätte. Wer das Vertrauen der europäischen Nachbarn durch politische Alleingänge Deutschlands aufs Spiel setzt, setzt zugleich Europa aufs Spiel.</p>
<p>Man kann auch mit scheinbar linken und moralisch wertvollen Positionen am Ende ungewollt dort landen, wo die äußerste politische Rechte schon angekommen ist: bei einer „My-country-alone“-Politik. Das muss eine Europapartei wie die SPD bedenken. Jedenfalls dann, wenn ihre Forderung nach Ausstieg aus der nuklearen Teilhabe ernst gemeint ist und nicht nur als Versuch, kurz mal im Umfragetief Aufmerksamkeit zu erregen.</p>
<p><em>Dieser Text erschien am 8.5.2020 im <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/sigmar-gabriel-zur-debatte-ueber-die-nukleare-teilhabe-die-spd-verspielt-das-vertrauen-in-ihre-regierungsfaehigkeit/25813798.html">Tagesspiegel</a>. Es handelt sich um einen persönlichen Meinungsbeitrag von Sigmar Gabriel und nicht um eine offizielle Stellungnahme des Vereins Atlantik-Brücke e.V. </em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.atlantik-bruecke.org/debatte-ueber-nukleare-teilhabe-ist-nicht-zu-ende-gedacht/">Debatte über nukleare Teilhabe ist nicht zu Ende gedacht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.atlantik-bruecke.org">Atlantik-Brücke e.V.</a>.</p>
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