Herr Geiges, Sie haben rund zehn Jahre in China gelebt und gearbeitet. Was hat sich unter Xi Jinping am stärksten verändert, und was wird an seinem Machtverständnis in Deutschland bis heute unterschätzt?
Xi Jinping ist tief davon überzeugt: Die Diktatur der Kommunistischen Partei ist das richtige Gesellschaftssystem für China, die westliche Demokratie hält er für gescheitert. Er hat eine klare Vision: 2049, zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik, soll sein Land das führende der Welt sein, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und militärisch. Auch soll es bis dahin Taiwan einschließen sowie weitere Inseln, die heute zu Japan, den Philippinen und anderen Ländern gehören. Um dieses Ziel zu erreichen und nicht durch innere Unruhen oder äußere Einflüsse zu gefährden, ist er repressiv nach innen und aggressiv nach außen. Unter ihm hat die Rolle der kommunistischen Ideologie wieder stark zugenommen, vermischt mit Nationalismus. All das wird in Deutschland bis heute unterschätzt. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Erfolge sehen viele China nach wie vor auf dem Kurs von Reform und Öffnung. Doch das hat sich mit Xi Jinping stark geändert.
China und Russland sprechen von einer „Freundschaft ohne Grenzen“. Wie belastbar ist diese Partnerschaft wirklich, und wer braucht in diesem Verhältnis wen mehr?
Natürlich haben Staaten immer unterschiedliche Interessen, so hält Russland in seinem Fernen Osten Gebiete, die einst zu China gehörten. Das jedoch wird im Moment zurückgestellt, Vorrang hat der gemeinsame Kampf für eine neue Weltordnung und gegen die freien Demokratien. Aufgrund von Chinas wirtschaftlicher Stärke ist Putin aber stärker auf Xi Jinping angewiesen als umgekehrt. Früher war Moskau der große Bruder, jetzt ist es Peking.
Europa will sich wirtschaftlich unabhängiger von China machen, ohne sich abzukoppeln. Wo sehen Sie die gefährlichste Abhängigkeit Deutschlands, und kommt das De-Risking in der Praxis voran?
Die Abhängigkeit besteht in allen Bereichen: Bei seltenen Erden und Konsumgütern komplett, mittlerweile aber auch bei der Technik für Sonnen- und Windenergie, bei Elektroautos, bei Medikamenten etc. Ich sehe erste Versuche, stärker auch mit Ländern wie Indien oder Indonesien zu handeln, zumindest wird darüber geredet. Doch bisher wächst die Abhängigkeit von China noch, das De-Risking kommt in der Praxis nicht voran.
Wenn Sie der Bundesregierung eine einzige Empfehlung für ihre China-Politik geben könnten, welche wäre das?
Hört auf mit eurer Naivität und euren Illusionen. Natürlich muss man mit China diplomatisch reden und Wirtschaftsbeziehungen unterhalten, sollte sich dabei aber immer im Klaren darüber sein, mit wem man es bei der Kommunistischen Partei Chinas zu tun hat: mit einem Feind unserer Freiheit.
Adrian Geiges ist Journalist, Autor und China-Experte. Dieses Kurz-Interview entstand nach dem Hanse Lunch am 29. September 2026 in Hamburg mit dem Titel “Xi Jinping, Donald Trump und Europa: China im transatlantischen Spannungsfeld”, bei dem Geiges als Sprecher fungierte.
