Ist Life Science der nächste große Wachstumstreiber?

Dr. Thekla Kurz berichtet, was die Mitgliederreise gezeigt hat, warum Life Sciences so relevant sind und welches Wachstumspotenzial die Branche auch für Deutschland bietet.
05.11.2026

geschrieben von Dr. Thekla Kurz.

Für Biotech-Gründerinnen und -Gründer ist Boston „the place to be“. Die Mitgliederreise der Atlantik-Brücke hat gezeigt, warum – und welches Wachstumspotenzial in Life Science steckt, auch für Deutschland. 

Alles, was man braucht, auf engstem Raum 

Boston gilt als der größte Biotech-Cluster der Welt, und daran dürfte sich so schnell nichts ändern, auch wenn andere Standorte aufholen. Wer verstehen will, warum, muss mit den Gründerinnen und Gründern sprechen. Ihre Antworten ähneln sich: Hier liegt auf wenigen Quadratkilometern alles, was ein junges Biotech-Unternehmen braucht. Rund 100 Hochschulen im Großraum Boston, allen voran Harvard und das MIT, sorgen für Talente. Die großen Pharmakonzerne sind in Laufnähe: 18 der 20 größten Pharmaunternehmen der Welt sind in Massachusetts vertreten. Und das Kapital ist da, viele Risikokapitalgeber sind selbst aus der Community hervorgegangen. 

Was Boston aber wirklich auszeichnet, ist die Kultur. Die Szene ist hochkarätig und zugleich überraschend klein. Wer erfolgreich ist, coacht selbstverständlich die nächste Generation – ohne Gegenleistung, im Wissen, dass sich die Community daran erinnert. Der Wettbewerb ist hart, doch gerade das macht besser: Wer hier pitcht, lernt schnell, worauf es Investoren und Kunden wirklich ankommt. 

Kano Therapeutics: von München über das MIT nach Cambridge 

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Kano Therapeutics. Gründerin Floris Engelhardt promovierte an der TU München und ging dann als Postdoc ans MIT. Aus dem Labor von Professor Mark Bathe heraus gründete sie Kano. Das Unternehmen entwickelt zirkuläre einzelsträngige DNA, mit der sich Gene sicherer und effizienter in Zellen einbringen lassen sollen – ein Baustein für künftige Gen- und Zelltherapien. Die Seed-Runde 2024 führten The Engine aus Boston und VSquared aus München gemeinsam an.

Welches Potenzial hat Life Science? 

Die Zahlen sprechen für sich. Die Life-Science-Branche trägt in Massachusetts rund 42 Milliarden Dollar zur Wirtschaftsleistung bei, mehr als 113.000 Menschen arbeiten in der Biopharma-Industrie. Über ein Viertel der Entwicklungsprogramme sind sogenannte Advanced Therapies wie Zell-, Gen- oder RNA-Therapien, also genau die Technologien, die die Medizin der kommenden Jahrzehnte prägen werden. Weltweit dürfte der Arzneimittelmarkt bis 2030 auf über 2 Billionen Dollar wachsen. 

Wie viel Wert auch in deutscher Forschung steckt, zeigt Tubulis. Das Münchner Unternehmen um Mitgründer und CEO Dominik Schumacher, eine Ausgründung des Leibniz-FMP und der LMU, entwickelt Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) gegen Krebs. 2023 sicherte sich Bristol Myers Squibb Zugang zu seiner Technologie, mit möglichen Meilensteinzahlungen von über einer Milliarde Dollar. 2026 übernahm Gilead das Unternehmen für bis zu fünf Milliarden Dollar, davon 3,15 Milliarden sofort – einer der größten Exits der deutschen Biotech-Geschichte. München bleibt als ADC-Forschungszentrum von Gilead erhalten. Der Fall zeigt beides: das enorme Potenzial deutscher Wissenschaft und die Tatsache, dass die Wachstumsphase am Ende von einem US-Konzern finanziert wird. 

In Deutschland gründen, in den USA skalieren 

Man muss also nicht auswandern, um in Biotech erfolgreich zu sein: Man kann in Deutschland gründen und dann den US-Markt erschließen. Die Infrastruktur dafür ist erstaunlich gut. Der German Accelerator begleitet deutsche Start-ups mit erfahrenen Mentoren in die USA. Das German-American Business Council of Boston vernetzt die deutsche Community und hilft beim Markteintritt. BioLabs bietet Laborflächen, in denen sich Start-ups eng austauschen, und ist inzwischen auch in Heidelberg und München vertreten. 

Dass das Skalieren in den USA leichter fällt, liegt vor allem am Kapital. Mehr als Drei Viertel des US-Risikokapitals konzentrieren sich auf Massachusetts, Kalifornien und New York. In Deutschland gibt es frühes Seed-Geld, doch für die großen Folgerunden fehlt es. Die Wurzeln reichen weit zurück: 1979 erlaubte das US-Arbeitsministerium Pensionsfonds, in Risikokapital zu investieren – eine Mobilisierung langfristigen Kapitals, die in Deutschland noch aussteht. Dafür bietet Deutschland andererseits einen verlässlichen regulatorischen Rahmen und mit den digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) gibt es ein Erstattungsmodell, das die USA so nicht kennen. 

Kein Selbstläufer 

Auch Boston hat Schwächen. 2025 sank die Zahl der Biopharma-Jobs in Massachusetts erstmals seit 2008, fast ein Drittel der Labor- und Produktionsflächen steht leer, und Unsicherheiten bei US-Forschungsförderung, Zöllen und Visaregeln belasten die Planung. Rund 80 Prozent der Beschäftigten halten Wohnen in Boston für zu teuer. Doch das Kapital kehrt zurück: Im ersten Halbjahr 2026 stieg das Risikokapital um ein Viertel, und acht der 13 US-Biotech-Börsengänge kamen aus Massachusetts. 

Fazit 

Ist Life Science der nächste große Wachstumstreiber? In Boston ist sie es längst. Und das Beispiel Tubulis zeigt, dass auch in Deutschland Werte in Milliardenhöhe entstehen. Damit diese Wertschöpfung künftig auch hier wächst, muss Deutschland Boston nicht kopieren, sondern Brücken bauen: hier gründen, dort skalieren, die eigenen Stärken in Regulierung und Herstellung selbstbewusst einbringen – und vor allem mehr Kapital für die Wachstumsphase mobilisieren. 

Über die Autorin: Dr. Thekla Kurz ist Global Head of Miltenyi Bioindustry bei Miltenyi Biotec und verantwortet die Auftragsherstellung von Zell- und Gentherapien an Standorten in Deutschland, den USA und China. 

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