Märkte & Finanzen

„Der Markt preist inzwischen ein deutlich schwierigeres Umfeld bei Energiepreisen ein“

„Der Markt preist inzwischen ein deutlich schwierigeres Umfeld bei Energiepreisen ein“ Jörg Kukies Foto: European Union, 2026

Dr. Jörg Kukies, Bundesfinanzminister a.D. diskutierte im März beim traditionellen Frankfurter Luncheon mit unseren Mitgliedern, wie der Wirtschaftsaufschwung gelingen kann. Im Anschluss stand er uns für ein Kurzinterview zur Verfügung.

Lieber Herr Dr. Kukies, mehrende führende Wirtschaftsinstitute, darunter das ifo und das IW, kritisieren dieser Tage, dass ein erheblicher Teil der Mittel des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität nicht in zusätzliche Investitionen fließt, sondern bestehende Haushaltsausgaben ersetzt. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Das ist so ein bisschen wie nach 2 Spieltagen ein Fazit der Saison zu ziehen – in 2025 hatten wir vorläufige Haushaltsführung, das Ausführungsgesetz zum SV wurde erst gegen Jahresende beschlossen und viele Bundesländer haben das noch gar nicht umgesetzt. Die strenge Beobachtung der Mittelvergabe ist gut, aber es ist noch zu früh um ein Urteil abzugeben ob das SV wie beabsichtigt in zusätzliche Investitionen fließt wie das ja beabsichtigt und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Welche konkreten Impulse könnte das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität – richtig angewandt – setzen und wie würden diese Investitionen den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken?

Die Ziele, Investitionen in Verkehrs-, Energie-, Bildungs- oder Digitale Infrastruktur zu stecken sind absolut richtig formuliert und müssen jetzt weiterhin konsequent umgesetzt werden.

Führende Ökonom*innen wie Sonja Marten und Edgar Walk warnen, dass ein länger anhaltender Konflikt im Nahen Osten steigende Ölpreise auslösen und den zarten Wirtschaftsaufschwung gefährden könnte. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Das ist in vielen Szenarien in der Tat ein hohes Risiko und hat schon zur Reduzierung einiger Wirtschaftsprognosen geführt. Der Markt preist inzwischen ein deutlich schwierigeres Umfeld bei Energiepreisen oder Zinsen ein und dies kann erhebliche Auswirkungen haben.

Donald Trumps erratische Zollpolitik entzieht sich weitgehend dem direkten Einfluss deutscher Politik. Was kann die Bundesregierung dennoch tun, um Unternehmen mehr Planungssicherheit zu geben?

Selbstbewusst verhandeln, auf der einen Seite mit der US-Regierung, auf der anderen Seite die EU Kommission ermutigen, ihren Kurs konsequent umzusetzen, weitere Freihandelsabkommen mit Lateinamerika, Indien, Australien oder den Golfstaaten abzuschließen.

Dr. Jörg Kukies amtierte von November 2024 bis Mai 2025 als Bundesminister der Finanzen. Zuvor war er Staatssekretär im Bundeskanzleramt und enger Berater für Wirtschafts-, Finanz- und Europapolitik von Bundeskanzler Olaf Scholz sowie Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen von 2018 bis 2021. Vor seinem Wechsel in die Politik arbeitete Kukies im Investmentbanking bei Goldman Sachs, zuletzt als Co-CEO Deutschland. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und promovierte in Finance an der University of Chicago.