Sicherheit & Geopolitik

Wie privates Kapital die Verteidigung sichert

Wie privates Kapital die Verteidigung sichert

Claudius Laskawy berichtet für uns über die dritte Ausgabe unserer Serie „The Role of Private Wealth for the Future of Defense“.

Am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz versammelte die Atlantik-Brücke gemeinsam mit den Co-Gastgebern DTCP und Falk Defense bereits im dritten Jahr in Folge 90 hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Finanzwesen und Technologie zu einer Abendveranstaltung unter dem Titel „The Role of Private Wealth for the Future of Defense“. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage, wie Deutschland und Europa ihre Verteidigungsfähigkeiten in einem zunehmend volatilen geopolitischen Umfeld stärken können – und welche Rolle privates Kapital bei dieser Transformation spielen muss.

Modertiert von Julia Friedlander, CEO der Atlantik-Brücke, brachten drei renommierte Expertinnen und Experten unterschiedliche Perspektiven aus Sicherheitspolitik, Militärstrategie und Ökonomie ein: Fabian Hoffmann, Raketenspezialist und Doktorand an der Universität Oslo; Nico Lange, Senior Fellow der Zeitenwende-Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz; sowie Professor Dr. Dr. Ulrike Malmendier, Cora Jane Flood Professor of Finance an der UC Berkeley und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Deutschlands strategische Verantwortung innerhalb der NATO

Ein zentrales Thema des Abends war die sich wandelnde Rolle Deutschlands als führendes NATO-Mitglied. Vor dem Hintergrund von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, veränderter Prioritäten der USA und wachsender globaler Spannungen steht Deutschland vor steigenden Erwartungen, mehr Verantwortung für die europäische Sicherheit zu übernehmen.

Glaubwürdige Abschreckung erfordert heute nicht nur politischen Willen, sondern auch hochintegrierte und technologisch fortschrittliche Fähigkeiten – von gestaffelten Luftverteidigungssystemen bis hin zu weitreichenden Präzisionsschlagkapazitäten. Für Deutschland bedeutet dies beschleunigte Beschaffung, Investitionen in Technologien der nächsten Generation sowie die Sicherstellung der Interoperabilität innerhalb der NATO-Strukturen. Dafür muss Deutschland über einzelne Beschaffungsentscheidungen hinausdenken und sich strategisch langfristig mit seinen NATO-Partnern abstimmen, um eine operative, technologische und industrielle Integration zu erreichen.

Fähigkeitslücken schließen und industrielle Kapazitäten ausbauen

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der europäischen verteidigungsindustriellen Basis und der dringenden Notwendigkeit, Produktionskapazitäten auszuweiten. Jahrelange Unterinvestitionen und Fragmentierung haben zu kritischen Fähigkeitslücken geführt – insbesondere bei Munitionsbeständen, Luft- und Raketenabwehr sowie in der Fertigung komplexer Systeme.

Auch die Rolle von Kapitalmärkten und privatem Vermögen bei der Skalierung der europäischen Verteidigungs- und Resilienzarchitektur wurde thematisiert. Denn nachhaltige Abschreckung erfordert mehr als steigende öffentliche Ausgaben; sie setzt die Mobilisierung privaten Kapitals voraus, um robuste industrielle Ökosysteme aufzubauen.

Diskutiert wurde zudem, wie Europa von reaktiver Beschaffung zu einer proaktiven Industriestrategie gelangen kann – durch die Ausrichtung von Anreizen, den Abbau regulatorischer Hürden und die Schaffung langfristiger Planungssicherheit für Hersteller und Investoren. Der Ausbau von Produktionskapazitäten ist neben einer technischen vor allem auch eine strukturell-ökonomische Herausforderung, die eine enge Koordination zwischen Regierungen, Finanzinstitutionen und Technologieunternehmen erfordert.

Die Rolle privaten Vermögens für Verteidigung und Resilienz

Im Zentrum der Diskussionen an diesem Abend stand jedoch die Frage, welche Rolle privates Kapital bei der Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeiten spielen kann und sollte. Angesichts steigender geopolitischer Risiken verschwimmen die Grenzen zwischen klassischer Verteidigung, Dual-Use-Technologien und umfassender Resilienz-Infrastruktur zunehmend. Investitionen in Cybersicherheit, Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Energiesicherheit und fortschrittliche Fertigungstechnologien sind heute zentrale Bestandteile nationaler Sicherheitsstrategien.

Die Teilnehmenden diskutierten, wie privates Vermögen (darunter Family Offices, institutionelle Investoren und Venture-Capital- und Private-Equity-Gesellschaften) Finanzierungslücken bei neuen Verteidigungstechnologien schließen kann. Zugleich wurden bestehende Debatten rund um ESG-Kriterien und Reputationsrisiken thematisiert, die Kapitalflüsse in verteidigungsnahe Sektoren bislang teilweise eingeschränkt haben. Das veränderte sicherheitspolitische Umfeld führe jedoch zu einer umfangreichen Neubewertung dieser Positionen und einer Erneuerung der Verantwortungslogik vor dem Hintergrund der auslaufenden Friedensdividende.

Die Gespräche machten deutlich, dass der Aufbau einer glaubwürdigen europäischen Abschreckungsarchitektur nicht allein durch öffentliche Haushaltsmittel gelingen kann. Er erfordert auch einen kulturellen und finanziellen Perspektivwechsel in der Bewertung von Investitionen in Verteidigung und Resilienz. Eine wettbewerbsfähige und skalierbare industrielle Basis lässt sich nur mit langfristig orientiertem, geduldigem Kapital aufbauen.

Ein zeitgemäßer und zukunftsgerichteter Dialog

Durch die Zusammenführung von Führungspersönlichkeiten aus unterschiedlichen Sektoren schuf die Veranstaltung Raum für einen offenen Austausch in einem entscheidenden Moment für die europäische Sicherheit. Mit Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz am darauffolgenden Tag diente die Diskussion als Auftakt und zugleich als Ergänzung zu den transatlantischen Debatten über die zukünftige Sicherheitsarchitektur.

Der Tenor unter Referierenden und Teilnehmenden war eindeutig: Deutschland und Europa stehen an einem strategischen Wendepunkt. Die Erfüllung von NATO-Verpflichtungen, das Schließen von Fähigkeitslücken und der Aufbau einer resilienten industriellen Basis erfordern koordiniertes Handeln von Staat, Industrie und Finanzsektor. Privates Kapital spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht als Ersatz staatlicher Verantwortung, sondern als Multiplikator beim Aufbau jener Verteidigungs- und Resilienzstrukturen, die eine nachhaltige Abschreckung voraussetzt.

Claudius Laskawy ist Director der Digital Transformation Capital Partners GmbH und Alumnus des Atlantik-Brücke Young Leaders Programms.