Wie aus industrieller Kompetenz Verteidigungsfähigkeit wird

In einem Gastbeitrag verdeutlicht John Eisenhauer, wie der Strukturwandel der Automobilindustrie dazu beitragen kann, Europas Verteidigungsfähigkeit zu stärken.

Ein Gastbeitrag von John Eisenhauer, Partner & Sektorleiter Public & Defense bei der MHP Management- und IT-Beratung GmbH, im Nachgang zu unserer Veranstaltung der Regionalgruppe Baden-Württemberg/Stuttgart gemeinsam mit MHP zum Thema „Strukturwandel der deutschen Automobilbranche: Chancen einer Diversifizierung in die Verteidigungsindustrie“. Bei der Veranstaltung diskutierten Federico Magno und Susanne Wiegand gemeinsam über die Chancen, Grenzen und Voraussetzungen dafür, wie die deutsche Automobilindustrie zu einer höheren Verteidigungsbereitschaft beitragen kann.

Europas Verteidigungsfähigkeit hängt daran, ob aus militärischem Bedarf und politischem Willen rechtzeitig verfügbare Systeme werden. Der Strukturwandel der Automobilindustrie eröffnet dafür konkrete Ansatzpunkte – bei Komponenten ebenso wie bei Industrialisierung und Skalierung. Der gemeinsame Dialog der Atlantik-Brücke e.V. und MHP in Stuttgart hat gezeigt, wo diese Verbindung funktioniert und welche Aufgaben bei Industrie und öffentlicher Hand liegen.

Als Offizier und Fallschirmjägerzugführer im Einsatz in Kunduz war mein Blick auf Ausrüstung sehr einfach: Sie musste verfügbar sein und funktionieren. Wer sie entwickelt oder produziert hatte, spielte für meinen Auftrag eine untergeordnete Rolle. Dieser Maßstab begleitet mich bis heute. Industrielle Stärke bekommt für Verteidigung ihren Wert, wenn daraus rechtzeitig verfügbare Fähigkeiten entstehen.

Die Ausgangslage erklärt, warum diese Frage gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit erhält. Die deutsche Automobilindustrie hat binnen eines Jahres 42.300 Arbeitsplätze verloren, mehr als jede andere große Industriebranche [1]. Die Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Staaten und Kanadas sind 2025 real um nahezu 20 Prozent gestiegen [2]. Viele Betriebe prüfen deshalb neu, welchen Platz der Verteidigungsmarkt künftig in ihrem Geschäft einnehmen kann.

Die Größenordnungen und Produktionsweisen beider Branchen unterscheiden sich erheblich. Für einzelne Anbieter entstehen dennoch interessante Verbindungen, wenn vorhandene Kompetenzen auf einen konkreten Bedarf treffen.

Diversifizierung braucht Verbindlichkeit

Ein Gedanke von Susanne Wiegand ist mir aus der Diskussion besonders im Gedächtnis geblieben. Sie sprach von Commitment und einem Strategiewechsel für Unternehmen, die aus anderen Industrien in den Verteidigungsmarkt einsteigen wollen. Das trifft einen zentralen Punkt.

Mit dem Einstieg verändert sich weit mehr als das Kundenportfolio. Sicherheits- und Zulassungsanforderungen wirken bis in Prozesse und Lieferketten hinein, die Exportkontrolle beeinflusst Produkt- und Komponentenentscheidungen, lange Lebenszyklen verlangen Verlässlichkeit über viele Jahre. Unternehmen brauchen deshalb Klarheit darüber, welchen Platz sie in diesem Markt einnehmen wollen, welchen konkreten Mehrwert ihr Produkt im Verteidigungsökosystem schafft und welchen Umbau das im eigenen Geschäft erfordert.

Die plausibelsten Ansatzpunkte liegen häufig nah an vorhandenen Stärken. Bei Lkw kann die industrielle Basis einer militärischen Variante eng mit der zivilen Produktion verwandt sein. Im Komponentenbereich reichen mögliche Beiträge von Elektronik und Antriebstechnik bis zu Strukturteilen für unbemannte Systeme.

Das ist für mich die sinnvollere Perspektive auf Diversifizierung: Unternehmen bringen Kompetenzen ein, die bereits vorhanden sind und für die Verteidigungsindustrie einen konkreten Nutzen haben. Daraus kann ein neues Geschäftsfeld entstehen, wenn diese Ausrichtung langfristig angelegt ist.

Zwischen Markteintritt und industriellem Hochlauf

In der Debatte werden zwei Aufgaben häufig miteinander vermischt. Auf der einen Seite stehen Unternehmen aus der Automobilindustrie und anderen Branchen, die erstmals in den Verteidigungsmarkt hineinwachsen. Auf der anderen Seite stehen etablierte Verteidigungsunternehmen, die bestehende Programme schneller und in größeren Mengen liefern müssen.

Für Quereinsteiger geht es zunächst darum, Zugang zum Markt zu schaffen und die eigenen Produkte für dessen Anforderungen zu qualifizieren. Etablierte Anbieter brauchen mehr Kapazität und ein Liefernetzwerk, das höhere Stückzahlen zuverlässig bewältigt.

Die Branche kann in beiden Situationen einen Beitrag leisten, jeweils mit anderen Stärken.

Federico Magno hat den industriellen Kern in Stuttgart mit einem Satz beschrieben: „Industrialization is the rule of the game.“ Gemeint ist die Fähigkeit, komplexe Produkte aus der Entwicklung in eine stabile Fertigung zu überführen und diese anschließend zu skalieren.

Eine Produktion skaliert nur so schnell wie ihr langsamster Zulieferer. Solche Abhängigkeiten über große Netzwerke hinweg zu steuern, gehört in der Serienfertigung seit Jahrzehnten zum Alltag. Dasselbe gilt für Plattformprinzipien und wiederverwendbare Standardteile, mit denen sich Komplexität und Varianten beherrschen lassen.

Auch die Geschwindigkeit der Produktentstehung gehört in diese Diskussion. Magno verwies auf Verteidigungsprojekte mit Entwicklungszeiten von 17 bis 19 Jahren. Fähigkeiten, die in wenigen Jahren verfügbar sein sollen, brauchen andere Zyklen. Die Automobilindustrie bringt dafür Erfahrung aus einem Umfeld mit, das Entwicklung, Industrialisierung und Fertigung eng miteinander verzahnt hat.

Der Transfer reicht deshalb weit über eine einzelne Produktionshalle hinaus. Produktionswissen, Engineering und Supply-Chain-Steuerung können für den Hochlauf ebenso wertvoll sein wie eine konkrete Komponente.

Lieferfähigkeit entsteht im System

Technische Eignung allein macht aus einem Industrieunternehmen noch keinen Verteidigungslieferanten. Im Verteidigungsmarkt gelten weitere Kriterien für Lieferketten und Produkte. Herkunft und Exportfähigkeit können die Auswahl einer Komponente beeinflussen. Bei klassifizierten Programmen kommen Geheimschutz und Sicherheitsüberprüfungen hinzu.

Auch der Zugang zum Markt folgt eigenen Regeln. Systemhäuser arbeiten mit Lieferanten, deren Produkte und Prozesse sie kennen. Neue Anbieter gewinnen an Bedeutung, wenn sie höhere Stückzahlen ermöglichen, einen Engpass auflösen oder eine Kompetenz einbringen, die im bestehenden Netzwerk fehlt.

Hier beginnt auch die Aufgabe der öffentlichen Hand. Militärischer Bedarf muss so konkret werden, dass daraus Produktions- und Investitionsentscheidungen abgeleitet werden können. Zwischen einer politischen Bedarfsfeststellung und einer neuen Fertigungslinie liegen Qualifizierung, Anlagen, Personal und häufig erhebliche Vorleistungen.

Der Kapazitätsaufbau stellt Unternehmen deshalb auch vor finanzielle Anforderungen. Ohne Kapital kommt kein Hochlauf ins System: Working Capital, Investitionen und Absicherungen wie Bürgschaften müssen Zeiträume überbrücken, in denen der Bedarf bereits erkennbar ist, die spätere Auslastung aber noch nicht vollständig abgesichert werden kann. Dazu gehört auch, Bewertungs- und Finanzierungskriterien so anzupassen, dass Banken und Investoren den Verteidigungsmarkt als Wachstumsmarkt mittragen können. Mehrjährige Abrufe oder verlässlichere Produktionskorridore schaffen eine bessere Grundlage, um Kapazitäten aufzubauen und vorzuhalten.

Vom Budget zur verfügbaren Fähigkeit

Für einen Soldaten zählt, welche Fähigkeit im Einsatz tatsächlich verfügbar ist. Für die Industrie wird aus militärischem Bedarf und politischem Willen über Programme und Bestellungen eine belastbare Nachfrage.

Das erklärt einen scheinbaren Widerspruch der aktuellen Situation: Die Verteidigungsausgaben steigen deutlich, zugleich zeigen lange Erfüllungsfristen in Bereichen wie Artilleriemunition, Gefechtsfahrzeugen und Landsystemen, dass zusätzliche Kapazitäten erst über meist mehrjährige Skalierungsmaßnahmen entstehen. Solche Skalierungen setzen die Leistungsfähigkeit ganzer Produktionsökosysteme voraus. Neue Anbieter werden vor allem dann relevant, wenn sie Engpässe lösen, den Hochlauf absichern oder Kompetenzen einbringen, die im bestehenden Netzwerk fehlen.

Für den Hochlauf braucht es deshalb Bewegung auf beiden Seiten. Unternehmen sollten bereit sein, in Qualifizierung und Kapazität zu investieren und Verantwortung für ihr Geschäft im Verteidigungsmarkt zu übernehmen. Beschaffung und Politik sind gefordert, Bedarfe früh genug zu konkretisieren und Entscheidungen in einem Tempo zu treffen, das zur geforderten Geschwindigkeit des Hochlaufs passt.

Auch auf Bündnisebene wird dieser Zusammenhang inzwischen sehr klar beschrieben. NATO verbindet höhere Verteidigungsausgaben ausdrücklich mit dem Ausbau der Produktion auf beiden Seiten des Atlantiks. Klare Nachfrage, langfristige Verträge und stärker gebündelte Beschaffung sollen der Industrie ermöglichen, weitere Kapazitäten aufzubauen [3].

Europäische Industriekapazität als Beitrag zur Bündnisverteidigung

Für Europa geht es deshalb um mehr als zusätzliche Fertigung. Wer innerhalb der transatlantischen Partnerschaft mehr Verantwortung für Sicherheit übernimmt, braucht die industrielle Fähigkeit, die dafür notwendigen Systeme auch bereitzustellen.

Hier bekommt die Erfahrung aus der Automobilindustrie eine weitere Bedeutung. Plattformen und Standardteile werden besonders interessant, wenn größere Stückzahlen über mehrere Märkte hinweg möglich sind. Kompatiblere Anforderungen und gemeinsame Beschaffung erleichtern solche Serien und schaffen für Hersteller einen größeren Markt.

NATO verfolgt diese Logik bereits über gebündelte Nachfrage und gemeinsame Anforderungen. Dahinter steht eine sehr praktische Aufgabe: Streitkräfte brauchen verlässliche Versorgung, während Hersteller ausreichend klare Signale benötigen, um langfristig zu investieren.

Eine leistungsfähige europäische Industriebasis ermöglicht es Europa, zugesagte Fähigkeiten innerhalb des Bündnisses verlässlich bereitzustellen.

Am Ende zählt Verfügbarkeit

Der Strukturwandel der Automobilindustrie und der Ausbau der Verteidigungsindustrie bleiben zwei eigenständige Aufgaben. Es gibt jedoch Bereiche, in denen industrielle Erfahrung aus dem Fahrzeugbau einen wertvollen Beitrag leisten kann. Komponenten und produktnahe Anwendungen bieten direkte Ansatzpunkte. In anderen Fällen liegt der Wert in der Fähigkeit, komplexe Produktion hochzufahren und Lieferketten zu beherrschen.

Für Unternehmen braucht dieser Schritt eine klare Ausrichtung und langfristige Verbindlichkeit. Auf staatlicher Seite kommt es darauf an, Bedarf, Beschaffung und Planungshorizonte so zu verzahnen, dass rechtzeitig investiert werden kann.

Aus meiner früheren Perspektive als Soldat und aus meiner heutigen Arbeit mit Industrieunternehmen komme ich am Ende zu demselben Maßstab: Eine Fähigkeit zählt, wenn sie in der benötigten Menge verfügbar ist und funktioniert.

Europas industrielle Stärke leistet ihren Beitrag zu unserer Sicherheit, wenn sie diesen Anspruch im Bedarfsfall erfüllt.

Quellen

[1] Statistisches Bundesamt: Stellenabbau in der Automobilindustrie: 42.300 weniger Beschäftigte zum Ende des 1. Halbjahres 2026 als ein Jahr zuvor, Pressemitteilung Nr. N057, 14. August 2026

[2] NATO: Defence Investment Update: Record Spending in Europe and Canada, 7. Juli 2026

[3] NATO: Increasing defence industrial production, aktualisiert am 8. Juli 2026