SACEUR-Gespräche

„2029 ist die rote Linie“: SACEUR-Gespräch über Europas Verteidigungsaufbau

Beim SACEUR-Gespräch der Atlantik-Brücke auf der ILA mahnen Breuer und Grynkewich Tempo und Ehrlichkeit an – und setzen 2029 als verbindliche Frist für Europas Verteidigungsaufbau.

In diesem Jahr (11. Juni 2026) hat die Atlantik-Brücke ihr traditionelles SACEUR-Gespräch auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin veranstaltet. Die hochkarätige Diskussion brachte General Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, General Alexus Grynkewich, NATO-Oberbefehlshaber in Europa (SACEUR), Airbus-Defence-and-Space-CEO Michael Schöllhorn und OJ Sanchez von Lockheed Martin zusammen, um über Europas Fortschritte in der Verteidigung zu sprechen, aber auch dessen verbleibende Lücken offenzulegen, während der Kontinent darum ringt, seine militärische Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Moderiert wurde das Panel von Robert Wall (Aviation Week).

„Es ist das erste Mal, dass die Atlantik-Brücke ihr traditionelles Gespräch mit dem Supreme Allied Commander Europe und dem Generalinspekteur der Bundeswehr in der Öffentlichkeit veranstaltet“, sagte Sigmar Gabriel, Vorsitzender der Atlantik-Brücke zur Begrüßung. „Es ist auch unsere Premiere mit General Alexus G. Grynkewich. Und General Carsten Breuer ist ein treuer Begleiter unseres sicherheitspolitischen Dialogs.“

„Noch vor sechs bis acht Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, eine Diskussion über den Haltungswandel in der Bundeswehr und der Verteidigungsindustrie zu führen“, bestätigte Breuer.

„2029, darauf kommt es an. Und das ist der Grund, warum ich allen unseren Zeitplänen im Verteidigungsministerium eine rote Linie gesetzt habe.“

Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war die Zeit. Breuer beschrieb, wie er in der Planung seines Ministeriums eine feste Frist gezogen hat: „2029, darauf kommt es an. Und das ist der Grund, warum ich allen unseren Zeitplänen im Verteidigungsministerium eine rote Linie gesetzt habe.“ Wiederholt drängte er auf Offenheit zwischen Politik, Industrie und Streitkräften und warnte, dass Zeitpläne nicht länger einfach verschoben werden könnten. „Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein“, sagte er und argumentierte, dass man, wenn ein für 2029 gesetztes Ziel nicht erreicht werden könne, „dann darüber diskutieren muss, wie wir das abfedern, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

Die Panelteilnehmer widersprachen der Vorstellung, Europa bleibe ein „Paper Tiger“. „Die meisten Alliierten haben ihre Verteidigungsbudgets erhöht. Im vergangenen Jahr haben erstmals alle Alliierten die Zielmarke des NATO-Gipfels von Wales erreicht“, sagte Grynkewich. Er warnte jedoch, dass Geld allein keine Fähigkeiten schaffe – dies erfordere „die Lieferung durch eine industrielle Basis, die gesund und innovativ ist“. „Es wäre falsch zu sagen, dass Europa in der Verteidigung gar nicht fähig ist. Das Geld wird jetzt zur Verfügung gestellt. Wir von der Verteidigungsindustrie müssen die Innovation unserer Produkte hochfahren“, sagte Schöllhorn und betonte: „Die Verteidigungsindustrie und das Beschaffungswesen müssen noch enger zusammenarbeiten.“

Fähigkeitslücke liegt bei den weitreichenden Präzisionswaffen

Die heikelste auf dem Panel diskutierte Fähigkeitslücke liegt bei den weitreichenden Präzisionswaffen. Breuer skizzierte einen Drei-Stufen-Ansatz – zunächst die Nutzung von US-Fähigkeiten, dann die Beschaffung von Systemen, schließlich der Aufbau einer europäischen Lösung – und räumte die Unsicherheit über die ersten beiden Stufen ein. Sein Leitkriterium, betonte er, sei die Verfügbarkeit bis zum Horizont 2029: Systeme müssten beschafft werden, „wann immer sie verfügbar sind“, je nachdem, was Markt und Entwicklungszeitpläne zuließen. „Wir müssen Transparenz herstellen bei den roten Linien unserer Zielsetzung. Das heißt, 2029 müssen wir uns ehrlich gemacht haben. Wir können uns dann keine Verzögerungen mehr erlauben. Wenn ein konkretes Ziel gefährdet ist, müssen wir uns fragen, wie wir die daraus resultierende Bedrohung abschwächen können.“

„Was Europas Fähigkeiten bei den weitreichenden Präzisionswaffen angeht, ist klar, dass wir in der NATO und aus Sicht der USA bestimmte Fähigkeiten in der Luft und zur See unter bestimmten Bedingungen brauchen“, betonte Grynkewich. Und er analysierte: „Langstreckenwaffen helfen dem Bündnis kurzfristig, Abschreckung herzustellen. Mittel- und langfristig müssen die weitreichenden Präzisionswaffen durch Cyber- und Weltraumfähigkeiten ergänzt werden. Dazu muss die Forschung und Entwicklung angepasst werden.“

„Lockheed Martin fährt die industriellen Kapazitäten in der Fertigung schnell hoch. Alle unsere Systeme müssen dazu beitragen, präzise Schläge von langer Reichweite zu ermöglichen“, versicherte Sanchez.

„Wer die Daten beherrscht, wird einen Entscheidungsvorteil haben.“

Beide Generäle trafen sich in einem tieferliegenden Punkt: Vernetzung zählt mehr als einzelne Plattformen. „Es geht allein um die Daten“, sagte Grynkewich. „Wer die Daten beherrscht, sie schneller bewegt und wirksamere Algorithmen auf sie anwendet, wird einen Entscheidungsvorteil haben.“ Die beiden Industrievertreter wiederholten die Forderung nach gemeinsamen Standards, und Breuer mahnte, die Standardisierung nicht aufzuschieben: „Verschiebt es nicht, denn wir haben die Zeit nicht.“

Zur künftigen Gestalt des Bündnisses stellte Grynkewich eine geringere amerikanische Last als Stärke und nicht als Rückzug dar. Auf die Frage, wie ein transatlantisches Bündnis aussehe, wenn die USA weniger trügen, antwortete er: „Es sieht stärker aus. Es sieht nachhaltiger aus.“ Er ordnete dies in ein „NATO 3.0″-Konzept ein, das Europa eine ausgewogenere Stimme gebe.

Auf eine Frage zu einem hypothetischen Szenario, in dem Russland die baltischen Staaten angreifen würde, antwortete der SACEUR unmissverständlich: „Selbstverständlich sind wir bereit, heute Nacht zu kämpfen. Wir sind bereit, heute Nacht zu kämpfen, über alle 32 Nationen hinweg.“ Breuer ergänzte: „Unser Problem liegt nicht innerhalb des Bündnisses. Unser Problem sitzt in Moskau, und deshalb müssen wir etwas dagegen tun.“

„Selbstverständlich sind wir bereit, heute Nacht zu kämpfen. Wir sind bereit, heute Nacht zu kämpfen, über alle 32 Nationen hinweg.“

Die Diskussion schloss Breuer mit einem Lob auf die transatlantische Partnerschaft: „Ich bin absolut froh, hier einen amerikanischen SACEUR zu haben, denn das schafft – abgesehen von General Grynkewich selbst – diese transatlantische Verbindung, worum es auch der Atlantik-Brücke geht. Ich finde, das ist gut, und wir sollten es so beibehalten, solange das möglich ist.“