Lektionen im Realismus: Carneys Höhenflug, Merz‘ Stolpern
Auf der 39. Deutsch-Kanadischen Konferenz in Berlin stellte sich in jeder Debatte dieselbe Frage: Was braucht es, um in einer Ära der Disruption zu führen? Mark Carney und Friedrich Merz traten 2025 ihr Amt an – beide konfrontiert mit Trumps Handelskriegen und unruhigen Wählerschaften. Doch während der eine als unerwartete Stimme der freien Welt hervorgetreten ist, kämpft der andere darum, das Vertrauen seiner eigenen Bevölkerung zu gewinnen.
Von Moritz Meißner
Wenn es auf der 39. Deutsch-Kanadischen Konferenz in Berlin im Mai 2026 ein Ereignis gab, das allen Beteiligten im Gedächtnis geblieben war, dann war es Mark Carneys Rede in Davos vier Monate zuvor. Die Rede, die man als Middle-Powers-Declaration bezeichnen könnte, wurde von nahezu jedem Podiumsgast zitiert und spielte eine zentrale Rolle in der Diskussion One Year in Office: Balancing Global Focus vs. Domestic Challenges über die ersten Amtsjahre Carneys als kanadischer Premierminister und Friedrich Merz‘ als Bundeskanzler. Zwar äußerten einige Redner Skepsis, ob Carney die hohen Erwartungen, die er geweckt hatte, erfüllen könne – doch seine Rede wurde von den meisten Teilnehmenden für ihre Beherztheit gelobt. Carney, sowohl im Inland als auch im Ausland bemerkenswert beliebt, schien den Titel des De-facto-Anführers der freien Welt übernommen zu haben.
Trump verhalf Carney zur Findung seiner Rolle
Was diese Rede so bemerkenswert macht, ist nicht nur ihr Inhalt, sondern auch ihre Unwahrscheinlichkeit. Als Mark Carney im Januar 2025 das Amt des Premierministers von Justin Trudeau übernahm und Neuwahlen ausrief, rechnete niemand mit seinem Sieg. Alle großen Umfragen sagten einen deutlichen Sieg der Konservativen und Pierre Poilievres voraus. Es war Trumps Handelskrieg gegen Kanada und seine berüchtigte Kampagne zur Einverleibung Kanadas als 51. US-Bundesstaat, die Carney ermöglichten, seine Rolle zu finden. Er bezog eine klare Position gegen Washington, appellierte an den kanadischen Patriotismus und präsentierte sich erfolgreich als der Führer, der die kanadische Unabhängigkeit bewahren würde. Mit seinem Ruf als hochkompetenter Banker in der Finanzkrise 2008 und seinem Fokus auf die Wirtschaft verkörperte er zudem einen spürbaren pragmatischen Bruch mit dem idealistischen Trudeau. Carney selbst rief zu einem werteorientierten Realismus auf – ein Begriff, der in der Davos-Rede wiederhallt. Teil dieses Realismus ist es, die allgegenwärtige Bedrohung aus dem Süden anzuerkennen und zu begreifen, dass sich die geopolitische Lage dauerhaft verändert hat. Es überraschte daher nicht, dass Carney die Resilienz Kanadas in Wirtschaft, Handel, Energie und Sicherheit in den Mittelpunkt stellte. Der One Canadian Economy Act, der im Juni 2025 das Parlament passierte, legt davon Zeugnis ab.
„Während Carney die Abkehr von der alten Weltordnung unter Trump früh als neue Realität akzeptierte, versuchte Merz, den Status quo zu bewahren – und verlor dabei nicht nur politisches Kapital, sondern auch Glaubwürdigkeit.“
Carneys einst unwahrscheinliche Regentschaft kann bislang durchaus Erfolge vorweisen. Kanadas BIP wuchs 2025 um 1,7% – das zweithöchste Wachstum unter den G7-Staaten. Das Major Projects Office – eine Schlüsselinstitution zur Beschleunigung strategischer Bauprojekte wie Pipelines oder Rechenzentren – wurde in Calgary eingerichtet und entwickelt derzeit 16 Projekte von sogenanntem „nationalem Interesse“. Die kanadischen Streitkräfte verzeichnen laut Ottawa den höchsten Zulauf seit 30 Jahren. Und Carney erfreut sich unter den Wählerinnen und Wählern bemerkenswerter Beliebtheit: In einer aktuellen Umfrage von Abacus Data befürworten 59% der Kanadierinnen und Kanadier den Kurs der Regierung – der höchste je gemessene Wert.
Gleichzeitig sieht sich Carney mit Kritik von Umweltverbänden und Vertreterinnen und Vertretern der First Nations konfrontiert, die befürchten, dass die Beschleunigung von Projekten nationalen Interesses zu einer Missachtung von Umweltschutzstandards und dem Recht auf Mitbestimmung indigener Gruppen führen könnte. Auf dem Panel wurde zudem das Unabhängigkeitsreferendum in Alberta als Problem für die Carney-Regierung identifiziert. Ein erfolgreiches Referendum ist zwar höchst unwahrscheinlich, doch die Kampagne selbst und die damit verbundene Debatte könnten die Spaltung unter den Kanadierinnen und Kanadiern vertiefen und der Regierung schaden.
Merz versuchte eine Beschwichtigungsstrategie gegenüber Trump – vergeblich
Als Friedrich Merz im Mai 2025 sein Amt in Berlin antrat, hatte er einen ganz anderen Start als Carney. Obwohl er als Politiker nie besonders beliebt war, weckte seine neue Koalition – vor allem in der Wirtschaft – gewisse Hoffnungen nach dem desaströsen Ende der hochgradig unbeliebten „Ampel“-Regierung seines Vorgängers Olaf Scholz. Merz erbte eine Wirtschaftskrise und konzentrierte sich auf die Wiederbelebung des Industriesektors. Leider gehörte Deutschland zu den Hauptzielen von Trumps Handelskrieg. Schlüsselindustrien wie die Automobil- oder die Chemieindustrie litten unter Zöllen, hohen Energiekosten und einem wachsenden Gefühl wirtschaftlicher Unsicherheit.
Der US-israelische Krieg gegen den Iran verschärfte die Lage durch Ölknappheit, die die Benzinpreise in die Höhe trieb und Wut und Unmut in der Bevölkerung schürte. Wie der britische Premierminister Keir Starmer oder NATO-Chef Mark Rutte versuchte Merz eine Beschwichtigungsstrategie gegenüber Trump – er schmeichelte ihm und brachte Geschenke nach Washington. Er musste auf die harte Tour lernen, dass dies ein fruchtloses Unterfangen war. Während Carney die Abkehr von der alten Weltordnung unter Trump früh als neue Realität akzeptierte, versuchte Merz, den Status quo zu bewahren – und verlor dabei nicht nur politisches Kapital, sondern auch Glaubwürdigkeit.
Trotz alledem kann Merz zumindest mäßige Erfolge für sich beanspruchen. Nach der Rezession der Vorgängerregierung wuchs das BIP 2025 tatsächlich – wenn auch nur um 0,2%. Die illegale Migration, das zweite große Thema der Regierung, wurde deutlich reduziert. Im Jahr 2025 wurden nur rund 47.000 illegale Grenzübertritte registriert – noch vor zwei Jahren war diese Zahl dreimal so hoch. Dennoch beklagen deutsche Unternehmen nach wie vor ein erdrückendes Maß an Regulierung, hohe Energiekosten und eine schwache Nachfrage – alles Faktoren, die die Zukunftsaussichten der Unternehmen eintrüben. Eine dauerhafte Lösung hat die Regierung bislang nicht vorgelegt. Stattdessen scheint die Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten den fatalen Fehler der Vorgängerregierung zu wiederholen: Wichtige Reformvorhaben wie Renten, Gesundheit oder Steuern werden von offenen Streitigkeiten überschattet, die das Vertrauen in das Kabinett untergraben.
„Während Mark Carney bestrebt ist, sich als Führungspersönlichkeit zu präsentieren, der es um die Menschen geht, der Empathie, Humor und echtes Interesse an seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zeigt, scheint Merz gute PR-Berater zu fehlen.“
Dies führt zu einem weiteren gravierenden Problem für Merz: seinem Führungsstil. Während Mark Carney bestrebt ist, sich als Führungspersönlichkeit zu präsentieren, der es um die Menschen geht, der Empathie, Humor und echtes Interesse an seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zeigt, scheint Merz gute PR-Berater zu fehlen. In seinem ersten Amtsjahr sah er sich mehrfach mit heftiger Kritik konfrontiert – etwa als er andeutete, Deutsche seien im Grunde zu faul und arbeiteten nicht genug, nähmen zu viel Krankschreibungen in Anspruch und Migrantinnen und Migranten – ob legal oder illegal – stellten ein Problem in der deutschen Gesellschaft dar. Umfragen zeigen, dass Merz vielen Deutschen als kalt, arrogant und – als Millionär – weit entfernt von den alltäglichen Sorgen der normalen Bevölkerung erscheint.
Laut ZDF haben 65% der Deutschen eine negative Meinung von Merz und seiner Regierung – ein historischer Tiefstand für einen deutschen Bundeskanzler, wie die Podiumsteilnehmenden in ihrem Fazit hervorhoben. Sie warnten, dass die Schwäche der Merz-Regierung die AfD, die rechtsextreme Partei, weiter stärken werde. Sollte die AfD in einzelnen Bundesländern oder auf Bundesebene an die Macht kommen, könnte sie verfassungswidrige Maßnahmen durchsetzen und zu einer ernsthaften Bedrohung für das politische System Deutschlands werden, das auf den Grundlagen der liberalen Demokratie beruht.
Moritz Meißner
Über den Autor: Moritz Meißner ist Alumnus der Young Atlantiks, Jahrgang 2026, und arbeitet als Nachrichtenredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR).