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Laudatio für Eric M. Warburg

Von Dr. Richard von Weizsäcker, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, 1984-1994

Gehalten anlässlich der Verleihung des Eric-M.-Warburg-Preises am 22. Januar 1988

Im November 1987 hat die Atlantik-Brücke bekannt gegeben, sie werde von nun an alle zwei Jahre einen Preis an eine Persönlichkeit verleihen, die sich um die deutsch-amerikanische Partnerschaft in hervorragender Weise verdient gemacht hat. Die Auszeichnung trägt den Namen „Eric M. Warburg-Preis“. Erster Preisträger ist Eric Warburg selbst. Ihn zu ehren, sind wir hier versammelt.

Zunächst gilt mein Dank der Atlantik-Brücke für ihr treffsicheres Gespür, das sie diese Initiative hat ergreifen lassen. Unser Jahrhundert weist eine bewegte Geschichte in den Beziehungen zwischen Deutschland und den USA aus. In beiden Weltkriegen waren die Amerikaner diejenigen unserer Gegner, die den Ausschlag zum Sieg gegen Deutschland gegeben haben. Zugleich waren es Amerikaner, von denen der entscheidende Anstoß ausging, um Gegnerschaft in großherzige und weitsichtige Wiederaufbauhilfe zu verwandeln.

Allmählich ist dadurch eine Bundesgenossenschaft herangewachsen. Übereinstimmende Grundüberzeugungen über Menschenwürde und Demokratie zusammen mit der Einsicht in gemeinsame Interessen haben zu einer soliden Partnerschaft geführt.

Inzwischen sind Jahrzehnte ins Land gegangen. Die Freundschaft der beiden Völker und ihrer Bürger hat sich bewährt. Sie ist unverändert und beinahe selbstverständlich geworden. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung aber verläuft nicht ohne Spannungen. Das kann gar nicht anders sein.

Die amerikanische Nation hat für sich allein die Größe eines Kontinents und damit eine gewisse Tendenz um „inward looking“. Zugleich ist Amerika im wahrsten Sinne eine Weltmacht, ganz im Gegensatz zu uns. Der pazifische Raum hat an Gewicht und Dynamik gewaltig zugenommen. Der anderen Weltmacht, der Sowjetunion, begegnet Amerika überall in der Welt, in Europa aber weit weniger als früher.

Für unser deutsches Bewusstsein bleibt unsere Lage mitten auf dem alten Kontinent maßgeblich. Neben der Fähigkeit, zusammen mit den Amerikanern unsere freiheitliche Ordnung zu schützen, bleibt es für uns ein vitales, eigenes Interesse, auf ein entspanntes Verhältnis mit unseren östlichen Nachbarn, vor allem mit der Sowjetunion, hinzuarbeiten. Wir wollen und müssen das Bewusstsein vom ganzen Europa wachhalten und unsere Freiheit so nutzen, wie es unserer Verantwortung gegenüber allen Europäern, insbesondere gegenüber allen Deutschen, entspricht. Dies ist kein Gegensatz zu den Prinzipien, die wir mit den USA teilen. Bekanntlich hat aber das Sein einen erheblichen Einfluß auf das Bewusstsein: Es macht einen Unterschied, welche Eindrücke den eigenen Tageslauf prägen. Und die alltäglichen Erlebnisse sind nun einmal in Kalifornien anders als im geteilten Berlin.

Hinzu kommen wachsende Probleme der jeweiligen Haushalts- und Währungspolitik, des Außenhandels und der Beziehung zu Ländern der Dritten Welt. Dies alles ist geeignet, die Beziehungen der beiden Bündnispartner zu belasten.

In dieser Lage kommt es darauf an, die deutsch-amerikanischen Beziehungen ebenso grundsatztreu wie behutsam und nüchtern zu behandeln. Es führt zu gar nichts, Unterschiede und Konflikte zu leugnen. Es geht nicht um eine rituelle Beschwörung von Idealen und von Freundschaft schöner Seelen, sondern um einen sachlichen Ausgleich von Interessen auf der Basis der gemeinsamen Überzeugung und Aufgabe, die Freiheit, die wir haben, zu schützen, aber sie auch verantwortlich gegenüber jedermann zu nutzen.

Besonders eindrucksvoll und wirksam geschieht dies durch Menschen, deren persönliche Lebenserfahrung und deren Glaubwürdigkeit im Lebensvollzug sie dazu befähigen, gegenseitige Verständnis, Achtung und Zuneigung zu erzeugen.

Die Atlantik-Brücke hätte keine geeignete Persönlichkeit für den Namen und zugleich für den ersten Preisträger finden können als Eric M. Warburg. Sein Leben spiegelt die schweren Wechselfälle dieses Jahrhunderts auf exemplarische Weise wider.

Im Jahre 1900 als Sproß einer hochangesehenen, weltoffenen, wahrhaft wohltätigen jüdischen Familie aus Hamburg geboren, erlebte er zwei Weltkriege, die Verblendung seiner Heimat unter den Nationalsozialisten, die eigene Vertreibung aus Deutschland, eine offene Aufnahme in Amerika, das Leid über das Unrecht, welches von Deutschland ausging, die Empfindung und Einsicht zu vergeben, in die zerstörte Heimat zurückzukehren und sich hier mit ganzer Kraft ihrem moralischen und materiellen Wiederaufbau an der Seite der freiheitlichen Demokratien und mit der Hilfe Amerikas zu widmen.

Dies alles hat Eric Warburg erlebt und getan. In den seither vergangenen Jahrzehnten ist er niemals müde geworden, das Verständnis für die Lage des jeweiligen Partners auf der anderen Seite des Atlantiks zu vertiefen und dadurch Verständigung auf gemeinsame Ziele zu bewirken.

An Eric Warburg wird deutlich, wie sehr es gerade auch für die großen Aufgaben der Völkerfreundschaft auf die ganz persönlichen Eigenschaften der Menschen ankommt, die ihnen dienen. Eric Warburg ist ein der Vernunft, der Toleranz und der persönlichen Bescheidenheit verpflichteter Hanseat. Immer ist seine Einstellung zum Leben positiv, sein Sinn auf praktische Lösungen gerichtet, sein Wesen voller Humanität, seine Güte hinter einem tiefen Humor verborgen. „Sich etwas nützlich zu machen“, damit bringt er in klassischem Understatement seine Lebensmaxime auf den Begriff.

In Amerika fühlte er sich vom selbstverständlichen, ungekünstelten, hellen Sinn für das Gemeinwohl angezogen. Er und das Land des Civic Sense and Service schienen wie für einander geschaffen. Dabei sind aber seine Wurzeln im hanseatischen Grund niemals verdorrt.

Er kämpfte mit den Amerikanern, aber nicht für die Bestrafung und Vernichtung, sondern für die Befreiung und für eine menschenwürdige Zukunft seiner deutschen Heimat. Mit großer Courage und Klugheit verhinderte er die völlige Zerstörung Lübecks. Als amerikanischer Offizier veranlasste und organisierte er die Evakuierung von Krankenschwestern, Wissenschaftlern und vielen anderen Menschen aus später von der Sowjetunion besetzten Gebieten in den Westen.  Ihm ist es zu verdanken, dass Demontagen gestoppt und Reparationen beendet wurden und dass Kriegsverbrecherprozesse in bezug auf Fairness des Verfahrens überprüft wurden. Er trat dafür ein, dass dem Unrecht das Recht folgen sollte. Die Bundesrepublik Deutschland sollte leben und arbeiten können und ein ihrer Kultur, ihre Werten, ihrer Lage und ihren Leistungen gemäßen Platz im Kreise der Völker einnehmen.

So ist es nur natürlich, dass er in der Nachkriegszeit auch die wesentlichen Anstöße gab, um in Deutschland die Atlantik-Brücke und in New York ihre Schwesterorganisation, den American Council on Germany, zu gründen. Und seither hat er immer wieder Entscheidendes beigetragen, sie mit Leben zu erfüllen, die nachwachsende Generation mit der Entwicklung der Geschichte vertraut zu machen, ihr die Bedingungen und die Pflichten unserer Freiheit nahezubringen und auf diese Weise uns allen den Wert der atlantischen Partnerschaft ans Herz zu legen.

In Wahrheit freilich vermittelt Eric Warburg nicht Verständnis zwischen Amerika und uns. Vielmehr verkörpert er in seiner Person die Qualitäten, um die wir uns in unserer Partnerschaft zu bemühen haben, wenn sie von Dauer sein sollen.

Eric Warburg ist ein Menschenfreund. Er hat ein unstillbares Bedürfnis, anderen zu helfen, einen entwaffnenden Charme, um Einwände auszuräumen, eine unglaubliche Zähigkeit und Phantasie, um seine selbstlosen Ziele zu erreichen, und eine pragmatische Nüchternheit, die ihn davor bewahrt, nach den Sternen zu greifen oder an der falschen Stelle prinzipiell zu werden.

Eric Warburg ist in seiner Person die Brücke über den Atlantik. Wenn wir sie benützen, werden wir mit den Spannungen, denen wir doch nicht entrinnen können, vernünftig umzugehen lernen. Wir werden dabei die besten Eigenschaften aktivieren, die beide Völker besitzen. Wer dabei zuweilen von Zweifeln beschlichen wird, der orientierte sich an Eric Warburg, einem menschlichen Vorbild, dem wir wahrhaft Dank schulden. Und ich danke der Atlantik-Brücke dafür, dass sie uns die Gelegenheit gibt, diesen Dank in aller Öffentlichkeit nachdrücklich zu bekunden.

 

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