Gesellschaft

Offene Gesellschaft unter Druck

Offene Gesellschaft unter Druck

Eindrücke von Esra Küçük, Leiterin des Gorki Forums, Maxim Gorki Theater

Vorhang auf
1. Akt

„Das Zeitalter ist aufgeklärt, […] woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?“ Mit diesem Zitat von Friedrich Schiller aus seinen Briefen „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ haben wir am Maxim Gorki Theater die Spielzeit 2016 eröffnet. Ich stehe vor dem etwa zehn Meter großen Banner, auf dem Platz der Märzrevolution vor dem Gebäude der Sing-Akademie. Es ist Montag, der 14. März 2016. Ein Tag, nachdem die AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt in die Landtage eingezogen ist. Ein Morgen, der wieder mit der Nachricht im Radio beginnt, dass Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Ich stehe da, blicke auf das Banner und bin erstaunt, wie aktuell sich dieses Zitat aus dem 18. Jahrhundert anfühlt.

In diesem Moment denke ich darüber nach, dass die Auseinandersetzung, die bei uns am Theater täglich auf der Bühne verhandelt wird, die Auseinandersetzung damit, dass wir fortwährend in Gesellschaften des Übergangs leben, offenbar vielen Menschen Angst macht. Und dass diese Angst reaktionären Bewegungen Aufwind verschafft, Bewegungen, die sich einem rückwärtsgerichteten, gar anachronistischen und im Kern vormodernen Leitmotiv verschrieben haben. Und ich denke, dieses Thema wird mich in den nächsten Jahren wohl nicht nur auf unserer Bühne beschäftigen.

2. Akt

6 Monate später, es ist der 12. September 2016, etwa 20:30 Uhr. Auf der großen Bühne spielt gerade „Je suis Jeanne D’Arc“, ein Stück des in Paris lebenden Regisseurs Mikaël Serre, der Schillers Tragödie von der Jungfrau von Orléans als Ausgangspunkt nimmt für ein Projekt über Nation, religiösen Fanatismus und den Mythos von Jeanne d’Arc, die über die Jahrhunderte hinweg zur Patronin sowohl der Revolutionäre als auch der Reaktionären und Nationalisten geworden ist.

Auf unserer kleinen Bühne im Studio findet ein Talk statt zwischen dem Verleger Jakob Augstein und Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein normaler Abend am Gorki – bis eine Gruppe die Veranstaltung kapert. Lauthals brüllt es „Ihr Verräter!“, … „Ihr Lügner!“ Gleichzeitig werden Fahnen ausgepackt, schwarz auf gelbem Grund. Schon skandiert ein Chor von etwa 20 jungen, adrett aussehenden Männern in Röhrenjeans und Dreitagebart immer wieder gebetsmühlenhaft das Wort: „Heuchler“.

Der Präsident des Verfassungsschutzes nannte die Gruppe vor ein paar Jahren noch eine „virtuelle Erscheinungsform des Rechtsextremismus mit bislang wenig Realweltbezug“. Naja … ziemlich real fühlte sich das schon an, wie diese wildgewordene Kampftruppe sich ziemlich unvirtuell in Reihe 1 bis 3 unseres Studios breitmachte. Das Ganze mitten am Boulevard Unter den Linden, wenige Meter vor der Neuen Wache, vor der Pietà-Skulptur von Käthe Kollwitz.

Einige Wochen später, Oktober 2016: Wir veranstalten ein Festival mit dem Titel „Uniting Backgrounds – Theater zur Demokratie.“ Der Fokus liegt auf der Gefährdung der Europäischen Demokratien. Die Idee ist aus dem Bedürfnis entstanden, aus der Sofaecke herauszukommen und sich auf die Suche zu machen nach einem „Common Ground“ zum Begriff der Demokratie. Eingeladen ist unter anderem Krzysztof Minkowski, ein in Deutschland lebender polnischer Regisseur mit seinem Stück „Die zwei Monddiebe.“ Das One-Woman Stück spielt an Bord einer polnischen Regierungsmaschine vom Typ Tupolew Tu-154M. Es greift das Thema eines polnischen Märchenfilms aus den sechziger Jahren auf, in dem die damals 12-jährigen Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski die Hauptrollen spielten.

Das Stück ist vorbei, kein Protest, nichts. Sehr gut, denken wir. Pünktlich eine Woche später erreicht uns ein Beschwerdeschreiben des polnischen Botschafters, adressiert an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller.

3. Akt

Wie jedes Jahr haben wir anlässlich des geschichtsträchtigen 9. November ein Sonderprogramm geplant: Einen Diskurs über die Frage, wie eine offene Gesellschaft verteidigt werden kann. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 2016 wird mir klar, es wird nicht um den Mauerfall 1989 gehen, wir werden auch nicht über die Novemberrevolution 1918 oder die Novemberpogrome 1938 sprechen. Denn der 9. November 2016 ist mit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA selbst zu einem Schicksalstag geworden. Ich komme völlig übernächtigt, weil ich mir noch die Hochrechnungen bis 4 Uhr morgens anschaute, ans Haus. Im Foyer stehen 500 Menschen, sie wollen diskutieren über den Wert einer offenen Gesellschaft. Viele Fragen – wenig Antworten.

Eine Woche später, 12. November 2016: Nurkan Erpulat hat Premiere mit seinem Stück „Love it or Leave it“ – eine Dystopie der türkischen Gesellschaft, die sich nicht einmal ein Jahr später in mein Leben schleicht. In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 2017 erfahre ich von der Verhaftung meines Freundes Osman Kavala, ein bekannter Kulturmäzen, der seine philanthropische Arbeit in den letzten Jahrzehnten dem türkisch-europäischen Dialog widmete. Er ist seit nunmehr fast 100 Tagen im Gefängnis. Seither fühlt es sich so an, als schwiege ich mich zu Tode.

Ausblick

Rechtsnationale Übergriffe, Versuche, die Kunst- und Meinungsfreiheit einzuschränken, Verhaftungen von unschuldigen Menschen aufgrund ihrer Meinungsäußerung oder ihres sozialen Engagements: Oft habe ich in den letzten zwei Jahren erlebt, wie die Schlagzeilen aus den Nachrichten in mein persönliches Leben eingebrochen sind – von abstrakt und weit entfernt auf unheimlich nah und unmittelbar.

Ich habe erlebt, wie wir alle gemeinsam immer wieder erschrocken, mal empört und mal entrüstet waren über die Dinge, die um uns herum passierten. Die einen mahnten, die anderen machten Scherze. Wir waren damit beschäftigt, uns darüber zu echauffieren, verblüfft zu sein und manchmal auch zornig, aber die meiste Zeit empfand ich die Reaktionen vor allem als eins: hilflos.

Deshalb ist 2018 für mich das Jahr, in dem ich alle ermutigen möchte, gemeinsam mit der Initiative Offene Gesellschaft aus dem Gefühl der subjektiven Selbstüberforderung herauszutreten und Räume zu schaffen für die Aushandlung von Differenz. Lasst uns an einer Utopie arbeiten, die Demokratie heißt und dafür streiten. Demokratie verstanden als komplexer Verständigungsprozess von Menschen unterschiedlicher Hintergründe.

2018 ist für mich das Jahr, in dem wir die Zwischentöne in unserer Gesellschaft wieder hörbar machen müssen. Die offene Gesellschaft zu einer gelebten und nicht nur postulierten Realität werden lassen müssen. Und wenn ich das sage, meine ich das nicht naiv im Sinne eines wohlmeinenden Multikulturalismus, sondern ich meine all dies im Sinne von Heuss‘ Diktum, dass Demokratie eine anstrengende Sache ist und kritische Menschen braucht.

Esra Küçük ist Leiterin des Gorki Forums am Maxim Gorki Theater. Sie ist Alumna des Young Leaders-Programms der Atlantik-Brücke.

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