„Ohne privates Geld ist der Rüstungssektor nicht zu erneuern.“
Denise Feldner analysiert die Finanzierungslücke im Rüstungssektor – und regt an, von Finnland zu lernen. Basis für diesen Kommentar ist ein Leitfaden von SPARTA (Strategic Protection and Advanced Resilience Technology Alliance), den Sie hier lesen können.
Mit dem russischen Full-Scale Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich das Leben auch in Kerneuropa drastisch verändert. Experten gehen davon aus, dass Russland spätestens 2029 fähig und willens sein wird, NATO-Staaten anzugreifen. Dabei hatte beispielsweise die Bundesregierung noch im Frühjahr 2021 dem Verkauf eines Dual-Use-Unternehmens, der ALU Rheinfelden, an den größten russischen Aluminiumhersteller und Rüstungslieferanten RUSAL, zugestimmt. Olaf Scholz´ Zeitenwende nur 12 Monate später hätte diesen Verkauf von Hochtechnologie unmöglich gemacht. Jetzt verkauft niemand mehr Rüstungstechnologie an Moskau. Im Gegenteil: Wir wollen sie für uns anschaffen. Nur wie geht das eigentlich?
„Die Schlachtfelder im Osten des Landes sind zu Testfeldern für neue Technologien geworden.“
Vier Jahre nach dieser Stunde „Null“ hat sich die Kriegsführung in der Ukraine massiv verändert. Die Schlachtfelder im Osten des Landes sind zu Testfeldern für neue Technologien geworden. In Erding, Bayern, gibt es seit kurzem einen Sandboxing-Campus, in dem ähnlich operiert werden darf. An beiden Orten entwickeln Start-Ups, Scale-Ups und Traditionskonzerne Technologien – im Fall der Ukraine mitten im Einsatz, in Erding unter friedlichen Rahmenbedingungen.
Wie kann sich das deutsche Parlamentsheer nun zügig neu ausrichten? Während Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im April die erste Militärstrategie der Bundesrepublik für eine konventionelle Armee vorstellte, erarbeitete man in Paris bereits Szenarien zur nuklearen Teilhabe. Diese Abschreckung ist immer noch die Ausgangsbasis für eine umfassende Verteidigungsfähigkeit. In Paris fragt man sich nun, wie man das mit den Deutschen bewerkstelligen kann. Es werden Hürden sichtbar: Die militärischen Partner in Europa folgen im Nuklearbereich unterschiedlichen Doktrinen, die Befehlsketten sind andere und das Technologieset ist komplementär zu dem der Amerikaner.
Dies bedeutet, dass es sowohl auf der konventionellen als auch auf der nuklearen Ebene nicht nur eine technologische Erneuerung, sondern auch eine Erneuerung der Befehlsketten sowie der Innovationszyklen und der Kooperationsmodelle braucht, sowie eine Neustrukturierung der Finanzierung. Und das alles am besten weit vor 2029!
Die Finanzierung für Rüstung ist erst kürzlich angepasst worden, das NATO-Ziel ist angehoben. Die Bundesregierung hat nach dem Sondervermögen von 100 Mrd. Euro für die Zeitenwende die Schuldenbremse für Verteidigung fast ganz aufgehoben. Weil das Sondervermögen zunächst erst einmal für das Auffüllen des bis dahin geleisteten 1,2% NATO-Beitrags auf die eigentlich geforderten 2% genutzt wurde, beginnt jetzt mit der Aufnahme neuer Schulden der wirkliche Ramp-Up des Militärs hin zur Verteidigungsfähigkeit.
Über Jahre hinweg hatte die Bundeswehr jährlich nur etwa 4-7 Mrd. Euro für Rüstungsinvestitionen zur Verfügung. Es klafft ein riesiges Loch zur Erneuerung. Durch den Stimmungswandel kann nun beinahe unbegrenzt Geld mobilisiert werden. Was nachziehen muss, ist die private Seite. Ohne privates Geld ist der Rüstungssektor nicht zu erneuern.
Eine echte DefTech-Bank wird es nach aktueller Lage wohl nicht geben, aber das Interesse von Business Angels ist in Fülle vorhanden. Das Gründungsfieber und die Geldmengen im Umlauf stecken an, zukünftig sollen um die 80 Mrd. Euro pro Jahre investiert werden.
Auch auf der nächsten Stufe, beim Venture Capital, sieht es derzeit gut aus für Investments in DefTech. Das eingespeiste Finanzvolumen in DefTech hat sich seit 2022 vor dem Hintergrund vieler nicht erfolgreicher VC-Investments und den Folgen der Ukrainekrise für diesen Sektor vervielfacht. Bedarf zeigt sich ebenso wie bei den Business Angels auf allen Ebenen beim notwendigen Fach- und Technologiewissen. Kaum jemand hat militärische Kenntnisse.
Echte Finanzierungslücken für DefTech zeigen sich in der Skalierung sowie bei Asset-schweren Industrien, für welche auch private Debt eingesetzt werden kann. Erst dann kommen die Banken mit ihren Finanzierungsinstrumenten zum Zuge.
An diesen identifizierten Bedarfen setzen nun Aktivitäten mit Vorschlägen an, nicht zuletzt:
- der Innovationshub der Bundeswehr in Erding, der im Gegensatz zu seinem Vorbild, dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, direkt in den Beschaffungsprozess eingebunden wurde,
- die Freistellung von Finanzinstrumenten von den ESG-Kriterien durch die amtierenden Führungsspitzen z. B. beim KENFO oder bei der IBB in Berlin,
- die Autoren der Gruppe SPARTA 2.0, die eine Darstellung der dringlichen Technologiefelder sowie der dort voraussichtlich erforderlichen Finanzmittel vorgelegt haben.
Allerdings muss das neue Denken auch strategisch in die Breite getragen werden. Die Militärstrategie muss in den Operationsplan Deutschland übersetzt und von dort in die zivilen Strukturen implementiert werden. Wie in Finnland braucht es den Denkansatz der Gesamtverteidigung, der tiefen Verankerung militärischen Wissens auch in der Gesellschaft. Die strategische Verbreitung von Wissen stellt eine wichtige neue Aufgabe von C-Level-Personal in jedweder Industrie dar, es ist nicht nur eine Aufgabe des deutschen Parlamentsheeres.
Denise Feldner ist Gesellschafterin einer Anwaltskanzlei, Board Member und Investorin. Zuvor hatte sie in der Organischen Elektronik ein Deep-Tech Startup mit 100 Mio. € Funding mitaufgebaut. Sie hat mit dem Strategic Studies Institute des US Army War College und dem NATO COE DAT NATO-Handbücher über den Schutz kritischer Infrastrukturen publiziert.