Deutsch-Kanadische Konferenzen

Mittelmächte im Aufbruch: Deutschland und Kanada suchen den gemeinsamen Kurs 

Kritische Mineralien, eine neue EU-Kanada-Sicherheitspartnerschaft und souveräne KI: Die 39. Deutsch-Kanadische Konferenz der Atlantik-Brücke lotete am 18. und 19. Mai in Berlin aus, wie zwei Mittelmächte in einer von Großmachtkonkurrenz geprägten Weltordnung gemeinsam Handlungsspielräume gewinnen.

Von Robin Fehrenbach und Pia Kauer

Die Deutsch-Kanadische Konferenz 2026 startete mit einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Transatlantic Business Initiative des BDI. Schon in den Eröffnungsreden wurde deutlich, dass Kanada und Deutschland einige Herausforderungen teilen: den Umgang mit einer alternden Gesellschaft, die Furcht, bei der KI-Revolution abgehängt zu werden, und die Abhängigkeit von einer zunehmend unzuverlässigen USA dominierten den ersten Konferenztag. 

Abhängigkeiten standen auch im Fokus des ersten Expertenpanels, das sich mit kritischen Rohstoffen befasste. 90% der in Deutschland benötigten Zwischenprodukte seltener Erden werden aus China importiert, besonders kritisch ist dabei die Situation bei Ausgangsstoffen für Batterien (wie z.B. Kobalt), die für die Energiewende benötigt werden. Diese werden zwar nur zu geringem Anteil in China abgebaut, die Weiterverarbeitung („Refinement“) findet jedoch zum Großteil in China statt. Dass diese Marktmacht von China zunehmend aggressiv eingesetzt wird, z.B. durch Ausfuhrbeschränkungen, bietet Anlass, sich intensiv Gedanken um eine Diversifizierung der Lieferketten zu machen. 

„Der Aufbau einer Raffinerie in Kanada kostet zwei bis dreimal so viel wie in China“

Im Gegensatz zu Deutschland verfügt Kanada über signifikante Bestände seltener Erden, mit 1.2% der weltweiten Produktion ist es der siebtgrößte Produzent von Kobalt. Die kanadische Regierung setzt erfolgreich auf den Ausbau von Förderkapazitäten, doch der Aufbau zusätzlicher Raffinerien gestaltet sich als schwierig: zwei bis dreimal so viel wie in China koste der Aufbau einer Raffinerie in Kanada, stellte ein Panelist fest. Es sei illusorisch, zu denken, Kanada könnte im Preiswettbewerb mit China bestehen. 

Trotzdem, da war sich das Panel einig, soll die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kanada im Rohstoffsektor vertieft werden – denn wo Deutschland einen verlässlicheren Lieferanten als China braucht,braucht Kanada verlässlichere Abnehmer. Bislang verkauft Kanada nämlich einen Großteil seines Kobalts in die USA, auf die sich die Kanadier in Zukunft nicht mehr komplett verlassen wollen. 

Auch in der anschließenden Diskussion unter dem Titel „Facing Change Together. Unlocking the Potential of German-Canadian Industrial Cooperation“ ging es um eine zunehmend knappe Ressource: qualifizierte Arbeitskräfte. Während der Pflegebedarf mit der zunehmend alternden Gesellschaft Kanadas und Deutschlands stetig steigt, nimmt die Zahl derer, die sich kümmern könnten, ab. Die Panelistensprachen die Notwendigkeit von Umschulungsmaßnahmen an, aber auch insbesondere von gezielten öffentlichen Investitionen in gute Bildung und menschenwürdige Pflege, um Angehörige zu entlasten und ihnen die Teilnahme am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Langfristig sei auch dies entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit beider Länder. 

Akademische Freiheit ist nicht nur ein Privileg, sondern auch eine fundamentale Arbeitsbedingung“

Wissenschaftsfreiheit zu genießen, ist in der westlichen Welt keine Selbstverständlichkeit mehr. Nur noch 20 Prozent der Menschen weltweit leben in Staaten mit akademischer Freiheit, wie der jüngste Academic Freedom Index unter 179 Ländern ermittelt hat. Zuletzt erlebten die USA unter Präsident Trump in dieser Hinsicht eine erkennbare Verschlechterung der Situation an Universitäten für Forscher und Studierende. In dieser Session am zweiten Tag der Deutsch-Kanadischen Konferenz betonten die Experten, dass der komparative Vorteil verloren gehe, wenn akademische Freiheiten eingeschränkt werden. Die unmittelbare Folge bestehe darin, dass Wissenschaftlerinnen das betroffene Land verlassen und ihre Expertise anderswo der Wissenschaft und Volkswirtschaft zur Verfügung stellen. So verlagere sich Wohlstand im internationalen Vergleich. Akademische Freiheit sei nicht nur ein Privileg, sondern auch eine fundamentale Arbeitsbedingung, stellten die Panelisten fest. Die Vereinigten Staaten verlören derzeit an Attraktivität als Forschungsstandort. 

Deutschland und Kanada teilten diesbezüglich eine ähnliche Geisteshaltung: Für die Gesellschaften beider Länder sei die Wissenschaftsfreiheit unerlässlich, um kritisches Denken zu fördern, was zunehmend eine Schlüsselqualifikation in Zeiten künstlicher Intelligenz und genereller Automatisierung praktisch sämtlicher Berufszweige werde. Es komme immer mehr darauf an, aus einem gewissen Talent eine spezifische Expertise zu entwickeln. Dazu sei insbesondere das Investment in ausländische Studierende und Forscher von zentraler Bedeutung. 

Die nächste Session widmete sich dem hohen Norden, genauer gesagt der Arktis. Deren strategische Bedeutung hat nicht zuletzt aufgrund der Folgen des Klimawandels erheblich zugenommen, was für geopolitische Spannungen zwischen den USA, Kanada, Russland und China gesorgt hat. Während neue Seewege wie vor allem die Nordwest-Passage durch schmelzendes Eis freiwerden, dringen die Volksrepublik und Russland mit Eisbrechern immer aggressiver in dieses Gebiet ein. Kanada und die USA arbeiten eng für die Sicherheit der Arktis im gemeinsamen Kommando von NORAD zusammen, was für North American Aerospace Defense Command steht. Zuletzt investierte Kanada mehrere Milliarden kanadischer Dollar in die technische Infrastruktur der Arktis wie etwa in Radaranlagen. Auch die Zusammenarbeit in der NATO für die Sicherheit der Arktis laufe sehr gut, wie eine Sprecherin betonte. 

„Für Finnland verläuft die wichtigste Frontlinie in der Arktis“

Für das neue NATO-Mitglied Finnland, das eine 1.400 Kilometer lange Grenze mit Russland mit insgesamt acht Grenzübergängen teilt, verlaufe die wichtigste Frontlinie inzwischen in der Arktis, wie ein Vertreter des Landes festhielt. Ein Konflikt sei durchaus möglich. 2001 hatte Russland damit begonnen, erste Ansprüche auf die Arktis zu erheben. 2015 eröffnete Russland dann Militärbasen entlang der Nordost-Passage. Der Kreml unter Präsident Wladmir Putin betrachte die Arktis als natürliche geostrategische Einflusssphäre. Alle Sprecherinnen und Sprecher waren sich darin einig, dass sämtliche NATO-Partner auf Abschreckung in der Arktis setzen sollten. Das sei das effektivste Vorgehen, um einen Krieg um Rohstoffe und Seerouten im hohen Norden zu vermeiden. 

Im Anschluss behandelte die dritte Paneldiskussion des Tages die Sicherheitskooperation zwischen der EU und Kanada. Die Europäische Union und Kanada seien unverzichtbare Sicherheits- und Wirtschaftspartner, wie eine Sprecherin in ihrem Eingangsstatement betonte. Europa habe dabei Qualitäten in der Beschaffung von militärischem Equipment und in einem starken Finanzmarkt. Wie eng die Partnerschaft in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sei, zeige die Tatsache, dass Kanada als einziges Nicht-EU-Land Zugang zu SAFE hat, also zum Finanzierungsinstrument „Safe Action for Europe“, dasdie EU-Kommission 2025 aufgelegt hat und Kredite von bis zu 150 Milliarden Euro für die Beschaffung von militärischer Ausrüstung freigeben soll. Wichtig sei, dass die EU keine Doppelstruktur neben der NATO aufbaue, sondern vielmehr zusammen mit Kanada und dem Vereinigten Königreich den europäischen Pfeiler innerhalb des westlichen Verteidigungsbündnisses massiv stärke angesichts der von Russland ausgehenden Bedrohungen. 

Um die seit gut einem Jahr im Amt befindlichen Regierungen von Bundeskanzler Friedrich Merz und Premierminister Mark Carney ging es in der nächsten Session. Zunächst stellte die Expertenrunde fest, dass beide Staaten intensiv nach Mitteln suchten, Wirtschaftswachstum zu stimulieren, das gerade im Falle Deutschlands dringend benötigt werde nach Jahren der Rezession bzw. Stagnation. Gleichzeitig sei es unabdingbar, die sozialen Sicherungssysteme der Bundesrepublik grundlegend zu reformieren und zukunftsfest zu machen. Hier sei es eine offene Frage, ob die Bundesregierung von CDU/CSU und SPD ihre großen Versprechen gegenüber den Bürgern einhalten könne und werde. Die schwarz-rote Koalition müsse erfolgreich agieren, um Deutschland politisch stabil zu halten und so positive Auswirkungen für den Rest Europas zu haben, das derzeit insgesamt von mehreren rechtspopulistischen Parteien und Strömungen unter hohem Druck stehe. 

Zwar stehe die kanadische Regierung in Ottawa derzeit gut da, weil sie eine hohe Zustimmung innerhalb der Bevölkerung genieße. Jedoch sei der Wahlerfolg des Liberalen Carney vor allem in den Attacken von US-Präsident Trump begründet, wenn es um die anhaltenden Zollkonflikte beider Länder geht und um den von Trump artikulierten Wunsch, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen. „Affordability“, also die Bezahlbarkeit des alltäglichen Lebens, werde auch in Kanada zum zunehmend relevanten Thema. Insofern stehe auch die Regierung des Premierministers unter Erfolgszwang. 

In einem daran anschließenden Fireside Chat behandelten Repräsentanten der deutschen und der kanadischen Regierung die Frage nach der globalen Wirksamkeit von Mittelmächten. Für eine Mittelmacht wie Kanada komme es darauf an, eine Resilienz entlang strategischer Ziele beispielsweise im Bereich von Lieferketten für Halbleiter und kritische Mineralien aufzubauen und dadurch als Nation souverän handeln zu können. Daneben gelte es, auf Partnerschaften auf Augenhöhe wie mit Deutschland zu setzen. Hinzu komme, dass Mittelmächte stets versuchen sollten, ihre Risiken etwa im Bereich derEnergiepolitik zu diversifizieren, wie Deutschland im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine seit 2022 und mit dem damit verbundenen Ende der Versorgung mit günstigem russischen Pipeline-Erdgas erfahren musste. Schließlich sollten sich Mittelmächte dadurch auszeichnen, am internationalen Völkerrecht auf der Basis der Charta der Vereinten Nationen festzuhalten und dieses Recht zu verteidigen. 

„Es gilt, das Vertrauen in die Medien zu erhalten“

In der abschließenden Session der diesjährigen Deutsch-Kanadischen Konferenz der Atlantik-Brücke setzten sich die Fachleute mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Medien auseinander. Journalismus habe auch im 21. Jahrhundert weiterhin die unverzichtbare Funktion, wahrheitsgetreue Informationen in einer äußerst komplexen Welt zu vermitteln. So würde nicht nur Vertrauen in das jeweilige Medium erzeugt, sondern auch in das demokratische System. Dabei bedrohe die KI das Vertrauen der Rezipienten in die Qualität der medial vermittelten Inhalte. Die Leserin und der Leser seien der wichtigste Adressat in der Arbeit von Journalisten. Daher gelte es, KI richtig einzusetzen, um das Vertrauen in die Medienmarke zu erhalten. So hielten im Fact-Checking von redaktionellen Beiträgen zunehmend sogenannte Full-time-Prompt-Engineers Einzug, die Artikel im engen Verbund mit KI-Werkzeugen nach Faktenfehlern durchkämmen. Die menschliche Intelligenz stehe nach wie vor im Mittelpunkt des Arbeitsprozesses. 

So endete die Konferenz in Berlin mit dem klaren Bekenntnis, die Zusammenarbeit zwischen Kanada und Deutschland auf allen politischen und wirtschaftlichen Feldern zu intensivieren und vertiefen. 

Auf der Konferenz führten wir ein Interview mit Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des IW Köln und stellvertretender Vorsitzender der Atlantik-Brücke und Nik Nanos, Gründer und Geschäftsführer von Nanos Research und Vorsitzender der Atlantik Brücke Canada. Sie sprachen mit uns darüber, wie sich die Deutsch-Kanadische Konferenz in den letzten 10 Jahren verändert hat, wieso Wissenschaftsfreiheit ein Wettbewerbsvorteil für Kanada und Deutschland darstellt und wie die Migrationsdebatte konstruktiver geführt werden könnte.

Mit der kanadischen Botschafterin in Deutschland, Vera Alexander, sprachen wir über 75 Jahre deutsch-kanadische diplomatische Beziehungen, mögliche Bereiche, in denen die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern gestärkt werden sollte, sowie die angespannte Lage in der Arktis.

Leseempfehlung: Das Positionspapier von David Bosold und David G. Haglund untersucht die „besondere Beziehung“ zwischen Kanada und Deutschland unter dem Gesichtspunkt der „strategischen Kultur“ und stützt sich dabei auf die Symbole der „Mittelmacht“ und des „Dreh- und Angelpunkts“ als analytische Ankerpunkte.